{"id":311,"date":"2017-03-16T15:59:34","date_gmt":"2017-03-16T14:59:34","guid":{"rendered":"http:\/\/www.ichmachwort.de\/?page_id=311"},"modified":"2026-05-22T11:02:18","modified_gmt":"2026-05-22T09:02:18","slug":"neue-texte-2","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.ichmachwort.de\/?page_id=311","title":{"rendered":"Der Zeitball"},"content":{"rendered":"<p>F\u00fcr diese Kurzgeschichte habe ich 2019 den ersten Preis eines Literaturwettbewerbs gewonnen &#8211; Wordrandale \/ Berlin &#8211; als fantasievollste Erz\u00e4hlung &#8211; viel Spa\u00df beim Zuh\u00f6ren und \/ oder Lesen:<\/p>\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-311-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"http:\/\/www.ichmachwort.de\/wp-content\/uploads\/2023\/08\/zeitball.mp3?_=1\" \/><a href=\"http:\/\/www.ichmachwort.de\/wp-content\/uploads\/2023\/08\/zeitball.mp3\">http:\/\/www.ichmachwort.de\/wp-content\/uploads\/2023\/08\/zeitball.mp3<\/a><\/audio>\n<p>Im Alter von acht Jahren begann Tobias zu begreifen, dass seine Eltern niemals verstehen w\u00fcrden, was er f\u00fchlte. Denn er verstand nicht, was sie f\u00fchlten.<br \/>\nWarum lie\u00dfen sie ihn so oft allein? Sie mussten doch wissen, dass ein Kind nicht gern ohne seine Eltern war.<\/p>\n<p>Sie h\u00e4tten wenig Zeit, sagten sie immer, wenn er sie fragte, warum sie nicht da w\u00e4ren oder wenn er mit ihnen etwas unternehmen wollte.<br \/>\n\u201eWir m\u00fcssen so viel arbeiten, damit es uns gut geht.\u201c<\/p>\n<p>Keine Zeit, damit es uns gut geht. So ein Unsinn. Tobias ging es nicht gut, weil sie keine Zeit f\u00fcr ihn hatten.<br \/>\nAuch an den Wochenenden unternahmen die Eltern selten etwas mit ihm, weil sie zu Hause an ihren Computern sa\u00dfen. Und wenn nicht, dann gingen sie mit ihm ins Kino, wo Tobias zwar von den bunten Bildern und Geschichten unterhalten wurde, aber weder mit Vater noch mit Mutter \u00fcber das reden konnte, wor\u00fcber er reden wollte. Oder sie machten einen dieser langweiligen Spazierg\u00e4nge durch den Park, bei denen entweder der Vater oder die Mutter schnell im Kreis umher rannten, um zu schwitzen. Oder sie gingen etwas einkaufen, wo er sich zwar tolle Sachen aussuchen durfte, aber sich trotzdem missverstanden f\u00fchlte, weil sie wieder kaum mit ihm sprachen, sondern ihn nur fragten, ob er dies oder jenes haben wolle.<\/p>\n<p>Aber f\u00fcr Tobias war das etwas haben wollen nicht mit seinen wirklichen W\u00fcnschen vergleichbar. Sagte er, dass sein einziger Wunsch sei, dass beide fr\u00fcher zu Hause sein sollten, damit er in ihrer N\u00e4he sei, l\u00e4chelten sie immer nachsichtig und erwiderten nur, dass es daf\u00fcr sp\u00e4ter noch genug Zeit gebe, aber momentan st\u00fcnde eine Menge an in ihren Jobs, wo man sich auf sie verlasse.<\/p>\n<p>Als ob der Junge sich nicht auch auf sie verlassen wollte. Und \u00fcberhaupt. Dieses Wort \u2013 verlassen. Ich verlasse mich auf dich \u2013 oder \u2013 ich verlasse dich.<\/p>\n<p>Tobias hatte also erkannt, dass dieses merkw\u00fcrdige Verhalten seiner Eltern immer etwas mit der Zeit an sich zu tun hatte. Deshalb mochte er sie nicht. Die Zeit. Und er wollte unbedingt herausfinden, was sich dahinter verbarg.<br \/>\nEr glaubte, schon ungef\u00e4hr zu wissen, was dieses Wort bedeuten k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Es teilte den Tag in Aufgaben und Alleinsein.<br \/>\nAufstehen, in die Schule gehen, auf die Pausenklingel warten, auf die Abholung durch die Kinderfrau, dann Hausaufgaben machen und an bestimmten Tagen zum Fu\u00dfballtraining gehen, dort anfangen, Spa\u00df am Spiel zu haben, bis er wieder aufh\u00f6ren musste, weil das Training zu Ende war. Und abends vor dem Schlafengehen musste er sich die Z\u00e4hne putzen f\u00fcr zwei Minuten.<br \/>\nDas war die Zeit, wie Tobias sie erlebte. Aber f\u00fcr tolles Kuscheln mit Vater oder Mutter war sie irgendwie nicht da.<\/p>\n<p>Es musste etwas Unangenehmes an der Zeit sein, weil niemand welche hatte. Und da seine Eltern auch sehr wenig davon hatten, f\u00fchlte sich Tobias nicht wohl \u2013 also musste tats\u00e4chlich etwas Unangenehmes an der Zeit sein.<\/p>\n<p>Einmal hatte Tobias den gro\u00dfen Wecker, der auf seinem Nachttisch stand, auseinandergeschraubt und in ihm nach der Zeit gesucht. Schlie\u00dflich gab das runde Ding ja an, wie sp\u00e4t es war. Doch er fand nur Schrauben, Zahnr\u00e4der und kleine Metallfedern. Und zus\u00e4tzlich tickte der Wecker nicht mehr.<\/p>\n<p>Tobias weinte, weil er dachte, dass er die Zeit get\u00f6tet h\u00e4tte. Da war der Vater ins Zimmer gekommen und hatte gelacht, nachdem ihm Tobias alles erz\u00e4hlt hatte. Die Zeit k\u00f6nne man nicht t\u00f6ten, hatte er gesagt. Die vergehe einfach, ohne dass man sie aufhalten k\u00f6nne. Und so eine Uhr sei ja nur eine Maschine. Aber das werde Tobias schon noch verstehen, wenn er gr\u00f6\u00dfer sei.<\/p>\n<p>Diese Erkl\u00e4rung verstand er nicht. Er f\u00fchlte nur, dass der Vater ihn nicht in die Arme genommen hatte, um ihn zu tr\u00f6sten. Und dass er seinen Verlust als keinen Verlust abgetan hatte mit einem Lachen.<\/p>\n<p>Wenige Tage sp\u00e4ter hatte Tobias dar\u00fcber nachgedacht, wie er sich die Zeit noch vorstellen k\u00f6nne, um sie zu verstehen \u2013 denn etwas musste sie ja sein, weil so viele Menschen von ihr sprachen. Dabei fiel ihm ein, dass die Erde rund war und sich immer um sich selbst drehte. Auch viele Uhren, von denen man die Zeit ablas, waren rund. Und die Zeiger drehten sich. Also musste die Zeit auch rund sein und sich drehen. Wie ein Ball vielleicht? Aber es musste ein unsichtbarer Ball sein, weil die Zeit selbst ja auch unsichtbar war. Konnte man ihn deshalb auch nicht festhalten? Weil man ihn ja nicht sah? Den Zeitball? Hatte man also wirklich keine Zeit f\u00fcr sich, weil man ja mit etwas Unsichtbarem nicht spielen konnte? Geschweige denn festhalten mit den H\u00e4nden?<\/p>\n<p>War Zeit wie Luft? Komisch. Warum sprachen die gro\u00dfen Menschen dann mehr von der Zeit als von der Luft? Das stellte ihn nicht zufrieden. Denn, sagte sich Tobias. Wenn ich die Zeit wirklich will, dann kann ich sie sehen. Denn ich wei\u00df ja, dass es dunkel und hell, also Tag und Nacht wird, also dass die Zeit da ist und vergeht. Und wenn ich will, kann ich sie also sehen und auch festhalten und mit ihr spielen. Denn ich kann langsam gehen und langsam reden. Dann vergeht die Zeit auch langsamer. Oder ich gehe schnell und rede schnell. Dann ist sie auch schneller vorbei.<br \/>\nUnd da er am liebsten Fu\u00dfball spielte, musste also auch die Zeit ein kleiner Ball sein, mit dem er alles machen konnte, was er wollte. Werfen und fangen und festhalten und wieder werfen und fangen und festhalten.<\/p>\n<p>Damit stand f\u00fcr ihn unwiderlegbar fest, dass die Zeit wie ein kleiner unsichtbarer Ball war. Und in seiner Fantasie war dieser farbenfrohe Ball nicht aus Stoff. Er war auch nicht aus Plastik. Und selbst Tobias konnte nicht sagen, woraus er wirklich bestand. Vielleicht bestand er aus so etwas wie trockenem Wasser. Das war ein Wasser, dass man ganz weich zwischen den Fingern f\u00fchlen konnte, ohne dass es die Hand nass machte. So irgendwie musste die verfluchte Zeit sein, weil sie auch irgendwie zwischen den Fingern durchrann, ohne dass er sie f\u00fchlte.<\/p>\n<p>Aber im Grunde war es ja eigentlich nicht wichtig, woraus die Zeit als Ball bestand. Musste denn immer alles aus irgendwas gemacht sein?<\/p>\n<p>Eines Tages hatten die Eltern Freunde zu Gast. Tobias wurde nach seinem liebsten Spielzeug gefragt. Er legte seinen Zeitball auf den Tisch und verk\u00fcndete stolz: \u201eDas ist es.\u201c<br \/>\nDie Gro\u00dfen sahen sich erst verdutzt an und lachten dann, weil sie nichts sahen. \u201eWas ist denn da?\u201c fragte die Mutter. \u201eNa, mein Zeitball!\u201c sagte er stolz und fragte sich, warum die Gro\u00dfen nichts sahen, sondern nur lachten und ihm fast mitleidvoll \u00fcber den Kopf strichen und sagten, wie herrlich es doch sei als Kind, wie gro\u00dfartig diese kindliche Fantasie doch sei, so naiv und unschuldig. Denn sie konnten immer noch nichts sehen.<\/p>\n<p>Dass die Erwachsenen ihn nicht ernst genommen hatten, war bitter f\u00fcr den Jungen. Und Tobias fragte sich, ob man als Erwachsener keine Fantasie mehr h\u00e4tte. Wenn das so w\u00e4re, wollte er niemals erwachsen werden.<\/p>\n<p>Von nun an spielte Tobias nur mit seinem Zeitball, wenn er allein war. Er warf ihn hoch, fing ihn auf, warf ihn gegen eine Wand \u2013 und immer sprang er zu ihm zur\u00fcck. Aber es gab auch Tage, da musste er ihm hinterherrennen, weil er wirklich von ihm weggesprungen war. Das geschah meistens, wenn er unterwegs war. In der Wohnung konnte der Ball ja nicht wegrollen. Aber drau\u00dfen. Auf der Stra\u00dfe. Oder im Park. Da machte das Ding manchmal, was es wollte. Und Tobias brauchte wieder Zeit, um ihn zu finden. Dann kam er manchmal zu sp\u00e4t nach Hause, weil es dauerte, bis er den Ball wiedergefunden hatte \u2013 denn niemand konnte ihm bei der Suche helfen; der kleine Ball war ja unsichtbar.<br \/>\nNat\u00fcrlich glaubten ihm die Eltern nicht, als Tobias ersch\u00f6pft auf der T\u00fcrschwelle stand und sagte, dass er zu sp\u00e4t sei, weil ihm die Zeit davongesprungen sei.<br \/>\nAn solchen Tagen musste er fr\u00fch ins Bett, ohne Fernsehen. Aber das machte nichts. Tobias war gl\u00fccklich. Er hatte ja seinen Zeitball wiedergefunden, legte ihn neben seinen Kopf auf das Kissen, tr\u00e4umte von ihm, und am n\u00e4chsten Morgen lag der Ball immer noch da, bereit f\u00fcrs Spielen.<\/p>\n<p>In jenem Sommer nun, als er begriff, dass er f\u00fcr immer der einzige Mensch sein w\u00fcrde, der verstand, was er f\u00fchlte, war ein langer erholsamer Urlaub geplant. Ein Bergurlaub mit viel Schwimmen, Wandern, Laufen, Spazierengehen und Spielen. Schon Wochen vorher h\u00f6rte er st\u00e4ndig die Eltern dar\u00fcber reden, wie sehr sie sich auf die Entspannung der freien Tage freuten. Endlich h\u00e4tten sie Zeit, etwas f\u00fcr sich zu tun. Endlich k\u00f6nnten sie so richtig als Familie zusammensein. Und diese Worte von Vater und Mutter h\u00f6rten sich f\u00fcr Tobias wie ein leiser Zauber an.<br \/>\nEndlich Zeit f\u00fcr Familie!<\/p>\n<p>Als er mit ihnen in diesem Berghotel angekommen war, fragte er sich allerdings sofort, was er dort sollte. Schnell hatte er erkannt, dass er das einzige Kind war. Blo\u00df gut, dass er sein liebstes Spielzeug bei sich trug.<\/p>\n<p>Am ersten Morgen ihres Aufenthalts, nach dem Fr\u00fchst\u00fcck, zogen sich die Eltern in den Wellnessbereich zur\u00fcck. Er k\u00f6nne ja mitkommen zum Schwitzen und Entspannen oder<br \/>\nBaden im Pool. Aber Tobias wollte nicht in diese verdammt hei\u00dfe Sauna gehen. Das war nichts f\u00fcr ihn. Und schwimmen wollte er auch noch nicht. Er wollte lieber mit den Eltern durch den Wald toben.<br \/>\nDas w\u00fcrden sie noch tun, hatten Vater und Mutter geantwortet, aber sie wollten erstmal einen Tag lang einfach nichts machen. Nur Zeit f\u00fcr sich selbst haben.<\/p>\n<p>Und Tobias war wieder allein. Er trat mit seinem kleinen Zeitball vor das Hotel und blickte \u00fcber ein weites Tal. Er sah Felder, Wiesen und riesige K\u00fche auf zaunlosen Weiden. Dazwischen schmiegten sich Bauernh\u00e4user gegen die langsam aufsteigenden Steilw\u00e4nde des Gebirges und wurden von hohen B\u00e4umen vor Wind und Wetter gesch\u00fctzt. Die steinernen Bergketten der Alpen ums\u00e4umten diese Idylle und besa\u00dfen ab und an noch schneebedeckte Spitzen. Und gerade, als er in Richtung Norden blickte, war ihm, als w\u00fcrde dieses Wei\u00df mit dem hellblauen Himmel zu einem funkelnden Leuchten verschmelzen. Dorthin wollte er gehen; denn er sp\u00fcrte, dass im Norden etwas auf ihn wartete, obwohl er sich nicht sagen konnte, was.<\/p>\n<p>Er betrachtete sein kleines Spielzeug und ging ein paar Schritte auf ein Waldst\u00fcck zu, das auf seinem Weg lag. Dabei warf er ab und an das kleine Ding in die Luft und fing es wieder auf.<\/p>\n<p>Pl\u00f6tzlich griff er daneben. Der Ball fiel zu Boden, und weil es sehr absch\u00fcssig war, rollte er davon. Er wurde immer schneller und schneller, sodass sich Tobias im Hinterherrennen anstrengen konnte, wie er wollte, aber er kam ihm nicht n\u00e4her. Im Gegenteil. Bald war der Ball im Dickicht des Waldes verschwunden.<\/p>\n<p>Tobias blieb stehen und war sehr traurig. Er blickte zum Hotel, aber seine Eltern waren ja in der Sauna und wollten nichts tun, weil sie endlich Zeit f\u00fcr sich hatten. Also machte er sich allein auf die Suche.<br \/>\nEr durchstreifte das nahe Unterholz, wanderte immer weiter in den Wald hinein und blieb erst nach langer ergebnisloser Suche stehen.<br \/>\nEr blickte sich um und erkannte schnell, dass er nicht mehr wusste, wo er war, und setzte sich auf einen alten Baumstumpf, um auszuruhen.<br \/>\nIch habe mich verlaufen, dachte er.<br \/>\nAber das war nicht so schlimm wie die Erkenntnis, dass er seinen Zeitball wohl f\u00fcr immer verloren hatte. Denn ohne ihn war er tats\u00e4chlich einsam.<\/p>\n<p>Tobias weinte leise. Das war\u2019s dann wohl. Eigentlich hatte er keine Angst so allein. Er hatte ja bisher kein anderes Leben gehabt. Aber so ohne das Einzige, was er wirklich liebte? Da f\u00fchlte er sich wirklich einsam.<\/p>\n<p>Pl\u00f6tzlich h\u00f6rte er Schritte hinter sich. Kleine H\u00f6lzer knackten. Da kam jemand n\u00e4her.<br \/>\nVoller Mut drehte er sich um. Und hinter ihm stand ein dunkler Mann in zerlumpter Kleidung. Er trug eine graue zottlige Hose und eine graue zottlige Jacke, hatte einen grauen zottligen Bart und graue zottlige Haare auf dem runden alten grauen zottligen Kopf. Auch seine Augen schienen ebenso grau und zottlig zu sein, waren aber kaum zu sehen, weil der Bart bis fast zur Stirn hinauf gewachsen war.<br \/>\n\u201eWas machst du hier so allein?\u201c Die Stimme des Fremden klang warm und freundlich. Sie nahm Tobias die Furcht vor seiner merkw\u00fcrdigen Erscheinung.<br \/>\n\u201eIch habe etwas verloren.\u201c<br \/>\nDer Alte sp\u00fcrte die Trauer des Jungen und setzte sich neben ihn.<br \/>\n\u201eWas denn?\u201c<br \/>\n\u201eMeinen Zeitball.\u201c<br \/>\nDer Mann griff sich in den grauen zottligen Bart: \u201eAha, deinen Zeitball.\u201c<br \/>\n\u201eJa, du kannst mir aber nicht helfen, weil du nicht wei\u00dft, wie er aussieht.\u201c<br \/>\n\u201eDein Zeitball.\u201c Der Alte brummte nachdenklich.<br \/>\n\u201eJa.\u201c<br \/>\nTobias stieg ein scharfer Geruch in die Nase, und er dachte, dass Mutter diesen Mann sicher sofort in die Badewanne gesteckt h\u00e4tte.<br \/>\n\u201eWoher willst du wissen\u201c, sagte der Alte und kraulte sich immer noch den grauen zottligen Bart, \u201edass ich nicht wei\u00df, wie ein Zeitball aussieht?\u201c<br \/>\n\u201eWeil er unsichtbar ist. Nur ich kann ihn sehen.\u201c<br \/>\n\u201eUnd jetzt ist dein Ball in den Wald gesprungen.\u201c<br \/>\n\u201eJa.\u201c<br \/>\n\u201eNa dann komm, lass es uns trotzdem gemeinsam versuchen, ihn zu finden. Vier Augen sehen manchmal mehr als zwei.\u201c<\/p>\n<p>Tobias wurde misstrauisch. Ob das gutgeht? Wie sollte der alte Mann etwas finden, was er nicht sehen konnte?<\/p>\n<p>\u201eDu musst wissen\u201c, sagte der Alte nun, weil er den skeptischen Blick von Tobias gesehen hatte, \u201edass ich diesen Ball kenne.\u201c<br \/>\n\u201eSo!?\u201c Tobias staunte.<br \/>\n\u201eJa, als Kind hatte ich auch so einen. Nur als ich \u00e4lter wurde, hatte ich ihn irgendwo verloren. Ich habe jahrelang nach ihm gesucht. Aber ich habe ihn nie wieder gefunden. Deshalb wei\u00df ich, wie wertvoll so ein kleiner Zeitball ist. Also komm, vielleicht finden wir ihn zusammen.\u201c<\/p>\n<p>Und beide durchk\u00e4mmten mit Eifer den Wald, aber sie fanden ihn nicht. Tobias wollte schon aufgeben. Es mussten Stunden vergangen sein. Pl\u00f6tzlich rief der Alte:<br \/>\n\u201eHier! Mein Junge, hier! Komm her! Ich habe ihn!\u201c<\/p>\n<p>Tobias glaubte ihm zwar nicht, ging aber trotzdem zu der Stelle, wo er war. Der Alte mit den grauen zottligen Haaren und dem grauen zottligen Bart und der grauen zottligen Jacke und der grauen zottligen Hose zeigte auf eine Stelle im Gestr\u00fcpp alter Blaubeerstr\u00e4ucher und \u2026 tats\u00e4chlich! Tobias wollte seinen Augen nicht trauen. Dort lag sein Zeitball. Bunt, klein und rund.<\/p>\n<p>Er hob ihn auf und freute sich und warf ihn hoch in die Luft und fing ihn wieder auf und freute sich immer mehr. Endlich hatte er ihn wieder.<\/p>\n<p>\u201eWer bist du eigentlich?\u201c Tobias kam zum alten Mann zur\u00fcck.<br \/>\n\u201eIch?\u201c Der Alte kraulte sich wieder im zottligen Bart. \u201eIch bin nur ein einsamer Waldmensch auf der Suche nach meiner Zeit.\u201c<br \/>\n\u201eIch wusste es\u201c. Tobias l\u00e4chelte. \u201eNiemand sonst h\u00e4tte den Ball gefunden.\u201c<br \/>\n\u201eJetzt muss ich aber weiter.\u201c Der Alte drehte sich um und wollte wirklich gehen.<br \/>\n\u201eWo musst du denn hin?\u201c Tobias hielt ihn an der grauen zottligen Jacke fest.<br \/>\n\u201eIch muss mir was zum Essen suchen. Die Zeit macht nicht satt.\u201c<br \/>\n\u201eKomm doch mit zu mir. Ich kann dir was geben.\u201c<br \/>\n\u201eNein, mein Junge, deine Eltern w\u00fcrden dich f\u00fcr total verr\u00fcckt halten.\u201c<br \/>\n\u201eWarum?\u201c<br \/>\n\u201eNa, stell dir vor, du gibst mir eine Scheibe Brot und die verschwindet auch, ohne dass deine Eltern sehen wohin.\u201c<br \/>\n\u201eBist du etwa auch unsichtbar? So f\u00fcr die andern, meine ich?\u201c<br \/>\n\u201eH\u00e4tte ich sonst deinen Ball gefunden?\u201c Der Alte l\u00e4chelte gar nicht mehr so grau, eher wie ein Kind, das gl\u00fccklich war, ohne dar\u00fcber nachzudenken, warum es das war.<br \/>\nUnd erstmals erkannte Tobias ein goldenes Leuchten in den alten grauen zottligen Augen zwischen dem alten grauen zottligen Fell im alten grauen zottligen Gesicht des Mannes.<br \/>\n\u201eSo\u201c, sagte der Alte. \u201eUnd ich rate dir, mein Junge, pass gut auf dein Spielzeug auf. Das passiert mit der Zeit leider oft, dass die Menschen sie verlieren. Doch wenn man ihr Geheimnis kennt, dann bekommt man immer Hilfe, wenn man nach ihr sucht.\u201c<br \/>\nTobias wunderte sich dar\u00fcber, woher der Mann wusste, was er selber f\u00fchlte. Das machte ihn neugierig.<br \/>\n\u201eWas ist denn das Geheimnis der Zeit?\u201c<br \/>\nDer Mann l\u00e4chelte und setzte sich wieder zu ihm.<br \/>\n\u201eAls ich ein kleiner Junge war wie du, habe ich auch oft dar\u00fcber nachgedacht, warum die Erwachsenen ihre Zeit damit vergeuden, alles zu tun, um erst mal keine Zeit f\u00fcr sich selbst zu haben. Und dann glauben sie, dass diese Zeit sp\u00e4ter wiederk\u00e4me, weil sie dann, wenn sie nicht mehr arbeiten m\u00fcssten, genug davon h\u00e4tten. Doch wenn sie dann glaubten, dass es endlich soweit sei, dann war ihre Zeit meist vorbei. Oder sie taten alles daf\u00fcr, um ihre viele Zeit irgendwie \u00fcber die Zeit zu verbringen. Irgendwann habe ich erkannt, dass es mit der verdammten Zeit ist wie mit einem Baum. Er steht nur da und fragt nicht warum. Und er ist gl\u00fccklich. Einfach so. Als Baum. Weil er einfach nur da ist. Das ist genauso mit der Zeit, mein Junge. Sie ist einfach nur da. Und wir Menschen k\u00f6nnen damit machen, was wir wollen. Sie fragt nicht nach uns. Komischerweise aber fragen wir st\u00e4ndig nach ihr.<br \/>\nDas ist wie mit der Liebe.\u201c<br \/>\n\u201eMit der Liebe?\u201c Tobias wurde unruhig. Der Mann hatte mit seinen Worten ein Gef\u00fchl in ihm geweckt, das Tobias schon eine Weile kannte, aber selbst noch keine Worte daf\u00fcr gefunden hatte. \u201eWas hat denn die Liebe mit der Zeit zu tun?\u201c<br \/>\n\u201eFrag deine Eltern, mein Gro\u00dfer, wenn du wieder bei ihnen bist. Nimm deinen Ball und geh diesen Pfad dort entlang. Verlass ihn nicht. Der bringt dich zum Hotel zur\u00fcck. Es ist schon sp\u00e4t.\u201c<\/p>\n<p>Tobias war sauer, weil der Mann nicht auf seine Frage geantwortet hatte.<br \/>\n\u201eIch gehe erst, wenn du mir das Gemeinsame von Zeit und Liebe erkl\u00e4rt hast.\u201c<br \/>\nDer Alte strich sich wieder nachdenklich \u00fcber den grauen zottligen Bart.<br \/>\n\u201eAlso gut, mein Junge. Das ist ganz einfach. Zeit und Liebe muss der Mensch so lassen, wie beide sind, n\u00e4mlich einfach da. Dann hat er genug davon. L\u00e4uft er ihnen hinterher oder macht er Jagd auf sie oder will er beides besitzen, werden Zeit und Liebe immer schneller und sind einfach weg wie dein kleiner Ball hier, weil du ihnen nicht mehr folgen kannst. Denn du l\u00e4ufst ihnen im Grunde nicht hinterher, wenn du nach ihnen suchst, sondern du l\u00e4ufst vor ihnen weg, weil sie ja einfach da sind, wo du gerade bist. Denn wir k\u00f6nnen sie weder einfangen noch festhalten, weder die Zeit noch die Liebe, weil sie einfach da sind. Und zwar dort, wo wir gerade sind. Und so haben wir beides in uns gerade dann, wenn wir weder die Zeit noch die Liebe besitzen wollen. Denn du besitzt nur das wirklich, was du nicht wirklich besitzen willst. Du f\u00fchlst es jetzt, nicht wahr?\u201c<\/p>\n<p>Tobias streichelte seinen Zeitball und sp\u00fcrte, dass er gl\u00fccklich war. Hier war ein Mensch, der tats\u00e4chlich verstand, was er f\u00fchlte.<br \/>\n\u201eAber wie bringe ich das Papa und Mama bei?\u201c Der Junge blickte auf den Waldboden.<br \/>\n\u201eSag es ihnen einfach. Sie werden es verstehen. Genau wie der alte Baum es uns gesagt hat. Und er hat keine Worte gebraucht. Wir haben ihn auch so verstanden. Er war einfach nur da, damit wir auf ihm sitzen konnten.\u201c<\/p>\n<p>Ich liebe diesen Fremden, dachte Tobias und hob den Kopf. Doch der alte Mann war pl\u00f6tzlich verschwunden. Der Junge war wieder allein und deshalb etwas traurig. Aber er sp\u00fcrte auch, dass er den Alten nie vermissen w\u00fcrde. Irgendwie war der drollige Zottelkopf schon in ihm drin.<br \/>\nUnd bei diesem Gef\u00fchl schlug sein kleines Herz nicht mehr so schnell wie noch vor wenigen Minuten, als er \u00e4ngstlich nach seinem Zeitball suchte. Es pochte nun ruhig im Takt der Sekunden.<\/p>\n<p>Tobias ging den Pfad zum Hotel zur\u00fcck. Als er dort ankam, sah er viele Menschen. Auch einige Polizeibeamte. Alle liefen umher und riefen seinen Namen.<br \/>\nEr aber suchte nach seinen Eltern und ging zu ihnen. Als erstes erblickte ihn die Mutter. Sie rannte auf ihn zu, umarmte ihn und machte ihm sofort Vorw\u00fcrfe, warum er allein in den Wald gegangen sei und wie gro\u00dfe Sorgen sie sich gemacht habe. Und der Vater stand da und schimpfte fast richtig laut, dass man die ganze Welt in Bewegung gesetzt habe, ihn zu finden, und was er sich dabei gedacht habe, einfach so wegzulaufen.<\/p>\n<p>Wie sollte Tobias ihnen erkl\u00e4ren, dass er allein unterwegs war, weil sie mal Zeit f\u00fcr sich haben wollten?<\/p>\n<p>Der Junge drehte wortlos den kleinen Ball in seiner Hand. Sollte er die wirklich Wahrheit sagen? Sie w\u00fcrden ihn ja nicht verstehen. Zumindest nicht im Augenblick, weil sie so sauer waren. Aber er musste es sagen.<br \/>\n\u201eIch habe meine Zeit verloren und bin ihr hinterhergerannt und habe sie mit einem alten Mann zusammen wiedergefunden. Und dieser Mann hatte ein gro\u00dfes Herz.\u201c<\/p>\n<p>\u201eOh Gott!\u201c Die Mutter fasste an die Stirn des Jungen. \u201eJetzt ist er auch noch krank. Und das ausgerechnet im Urlaub. Komm, du musst gro\u00dfen Hunger haben. Und dann geht\u2019s sofort ins Bett.\u201c<\/p>\n<p>Tobias folgte den Eltern ins Hotel. Alle Erwachsenen waren gl\u00fccklich, dass er wieder da war. Er aber blickte nur auf den kleinen bunten Ball in seiner Hand und l\u00e4chelte stumm in sich hinein.<br \/>\nAls Vater und Mutter ihn ins Bett brachten, ihn zudeckten und ihm einen Kuss auf die Stirn gaben, sagte er leise:<br \/>\n\u201eUnd trotzdem.\u201c<br \/>\n\u201eWas, und trotzdem?\u201c Vater und Mutter sahen sich an. Sie verstanden zwar nicht, was er damit sagen wollte, aber beide hatten Tr\u00e4nen in den Augen.<br \/>\n\u201eUnd trotzdem hab ich euch lieb. Auch wenn ihr so wenig Zeit f\u00fcr mich habt. Ich habe genug davon f\u00fcr uns alle.\u201c<\/p>\n<p>24a@web.de<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>F\u00fcr diese Kurzgeschichte habe ich 2019 den ersten Preis eines Literaturwettbewerbs gewonnen &#8211; Wordrandale \/ Berlin &#8211; als fantasievollste Erz\u00e4hlung &#8211; viel Spa\u00df beim Zuh\u00f6ren und \/ oder Lesen: http:\/\/www.ichmachwort.de\/wp-content\/uploads\/2023\/08\/zeitball.mp3 Im Alter von acht Jahren begann Tobias zu begreifen, dass seine Eltern niemals verstehen w\u00fcrden, was er f\u00fchlte. Denn er verstand nicht, was sie f\u00fchlten. &hellip; <a href=\"https:\/\/www.ichmachwort.de\/?page_id=311\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">&#8222;Der Zeitball&#8220; <\/span>weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"parent":0,"menu_order":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"footnotes":""},"class_list":["post-311","page","type-page","status-publish","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.ichmachwort.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/311","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.ichmachwort.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.ichmachwort.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.ichmachwort.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.ichmachwort.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=311"}],"version-history":[{"count":53,"href":"https:\/\/www.ichmachwort.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/311\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":740,"href":"https:\/\/www.ichmachwort.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/311\/revisions\/740"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.ichmachwort.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=311"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}