{"id":587,"date":"2021-07-20T11:19:49","date_gmt":"2021-07-20T09:19:49","guid":{"rendered":"http:\/\/www.ichmachwort.de\/?page_id=587"},"modified":"2022-10-02T10:14:21","modified_gmt":"2022-10-02T08:14:21","slug":"haenschen-klein","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.ichmachwort.de\/?page_id=587","title":{"rendered":"Berlin Garb\u00e1typlatz"},"content":{"rendered":"<p>Eine Episode aus meinem neuen Roman<\/p>\n<p>Gelernt ist gelernt.<\/p>\n<p>An einem herrlich warmen Sommertag des Jahres 2019 gibt es einen Mann in Berlin, der anderen Menschen tats\u00e4chlich seinen Willen aufzwingen will. Und weil das nie wirklich einfach ist, hat sich dieser alte Kerl daf\u00fcr ein automatisches Gewehr besorgt. Das ist so ein kleines Ding bei ihm, das gerade in eine Hand reinpasst. Sieht wie ein Spielzeug aus, hat aber eine Durchschlagskraft, die will man nicht an sich selbst erleben. Und genau so wollte unser Held die Knarre haben, damit er sie in seinem Stoffbeutel transportieren kann, in so einem wie aus dem Supermarkt, kennt jeder, f\u00fcr einen Euro, aus Baumwolle, nat\u00fcrlich. Unser Ganove ist kein Verschwender. Weder an Zeit noch an nachhaltigen Naturstoffen. Er hasst Plastik fast noch mehr als jene zwei Menschen, die ihn gemacht haben. Was schwer erreichbar ist. Er hasst diese Frau und diesen Mann, die andere Menschen auch als Eltern bezeichnen, weil sie ihn \u00fcberhaupt gezeugt und auf die Welt haben kommen lassen. Doch das nur nebenbei.<br \/>\nDenn uns treibt hier die Frage um, warum dieser arme Teufel gerade mit der Uzi tun will, was er gerade damit tun will? Er will die Sparkasse an der Prenzlauer Allee Ecke Danziger Stra\u00dfe \u00fcberfallen. Er will dabei die Menschen darin als Geiseln nehmen. Und er will warten, bis die Bullen da sind, sein Spiel als gef\u00e4hrlicher Geiselnehmer noch eine Weile treiben, sich dann aber einsacken und einsperren lassen. Doch, warum nur? Er ist doch gerade erst aus dem Knast rausgekommen? Gelernt ist gelernt?<br \/>\nFragen wir ihn:<br \/>\n\u201eAlso, Butze, du alter Paraver, was hast du vor? Wenn das schief geht, lochen die dich wieder ein! Und dieses Mal f\u00fcr immer! Bei der Anzahl und Schwere deiner bisherigen, strafrechtlich verurteilten Vorstraftaten und noch dazu in deinem fortgeschrittenen Alter kommst du um lebenslange Haft f\u00fcr dein restliches Leben nicht mehr drum herum.\u201c<br \/>\n\u201eMir egal.\u201c<br \/>\nEr brummt das vor sich hin wie ein alter B\u00e4r, der genau wei\u00df, was er will, daf\u00fcr aber seine absolute Ruhe einfordert, ohne einen Widerspruch zu dulden. Deshalb f\u00fcgt er mit kr\u00e4ftiger und kompromissloser Stimme noch hinzu:<br \/>\n\u201eWer sein schei\u00df Leben nich lebt, wie er will, der lebt doch nur, wie er leben soll; aber det is doch keen Leben f\u00fcr mich, wenn icke leben soll, wie ein anderer det will; det is doch reine Schei\u00dfe. Ick lebe, wie ick will. Basta. Ende. Schnauze.\u201c<br \/>\nOkay, sagen wir uns, besser, ihn tun zu lassen, was er tun will. Sonst holt der noch die Uzi aus dem Beutel raus und probiert an uns, ob die auch funktioniert.<\/p>\n<p>Doch vor drei Wochen war das noch anders. Da stand er in der Seidelstra\u00dfe in Tegel und sah das erste Mal nach 13 Jahren die Sonne wieder von au\u00dferhalb der JVA. Sie sah zwar genauso aus wie vom Hof aus, wenn er Hofgang hatte, aber die Luft roch anders. Wie Freiheit.<br \/>\n\u201eWie riecht denn freie Luft?\u201c<br \/>\n\u201eKeene Ahnung, du Klugschei\u00dfer, auf jeden Fall anders als mit Einschluss.\u201c<br \/>\nUnd wir haben ihn an diesem Tag auch noch gefragt:<br \/>\n\u201eUnd, lieber Bernd Uhlig, was machst du nun? Vern\u00fcnftig sein? Endlich mit fast 65 Jahren?\u201c<br \/>\n\u201eVern\u00fcnftig?\u201c<br \/>\nSchon da hat er gebrummt wie ein B\u00e4r, der keinen Widerspruch duldet.<br \/>\n\u201eKeene Ahnung, wat det is. Abar ick lebe, wie ick will, klar! Un det mach icke schon, solange icke schon da bin. Ihr k\u00f6nnt mir ma alle am Allerwertesten. Basta. Ende. Schnauze.\u201c<br \/>\nNun, das scheint ehrenvoll, dass einer sein Leben leben will, wie er das will, und nicht, wie ein anderer das vom ihm verlangt. Aber die Frage, wie einer sein Leben leben sollte, stellt sich ja schon, wenn einer noch ein Baby ist. Der verdammte Mist aber daran ist, dass einer da noch zu jung daf\u00fcr ist, allein f\u00fcr sich selbst zu entscheiden, wie er leben will. Da sind n\u00e4mlich die Menschen, die einen gemacht haben. Die wollen einem auch Jahr f\u00fcr Jahr einreden, wie einer zu leben hat. Nicht so, wie einer will, sondern so, wie sie wollen, dass einer zu leben hat. Und die Menschen, die einen gemacht haben, tun dann so, als w\u00e4re das immer das Beste f\u00fcr einen, wenn er lebt, wie er soll. Wenn sie \u00fcberhaupt etwas f\u00fcr einen tun. F\u00fcr unsern Butze haben sie so was gemacht, also nichts f\u00fcr ihn zu tun. So war das von Anfang an. Der lernte nicht nur, fr\u00fch zu laufen, sondern auch fr\u00fch auf eigenen Beinen zu stehen und zu gehen. Deshalb war der alte Paraver immer nur gl\u00fccklich, wenn er lebte, wie er wollte, nie, wenn er lebte, wie er sollte. Das nennen wir auch das perfekte Abitur f\u00fcr den Beginn der Berufsausbildung zum Knacki, oder?<br \/>\nUnd fr\u00fch schon hat unser Butze das erkannt, dass er seine Freiheit und seinen Willen mehr liebte als alles andere. Da war der Kerl, der ihn mit einer Frau gemacht hat. Der schlug dieser Frau eines sch\u00f6nen Morgens am Kaffeetisch eins in die Fresse. Da war unser Bernd schon 13 und konnte nicht anders. Da hat es ihm gereicht. Der Kerl hat das nicht zum ersten Mal gemacht. Der hat schon ein paar Mal diese Frau verdroschen, die unsern alten Paraver auf die Welt gebracht hat. Nun aber war der Kanal voll. Das Fass war \u00fcbergelaufen. Und Butze, mit seine 13 Lenze und kleiner als der Alte, ist aufgestanden und hat dem Alten auch ein paar geknallt. Voll auf die Zw\u00f6lf. Das konnte Butze schon. Das hatte er da schon an anderen Gesichtern trainiert gehabt.<br \/>\nUnd der Alte glotzte, als w\u00e4re er gerade aus dem Koma gesprungen und h\u00e4tte die Welt noch nie gesehen, und schlug nat\u00fcrlich zur\u00fcck. Und wie. Butze musste ins Krankenhaus gebracht werden und lag ne ganze Weile, weil die Rippen und der Kiefer erst zusammengeschraubt werden und dann wieder zusammenwachsen mussten. Aber er hat das \u00fcberlebt. Er hat nur eine kleine Delle in seinem Stirnknochen zur\u00fcckbehalten. Wie ne kleine Mulde oder Kuhle auf der Stirn sieht die aus. Da mussten sie ihm etwas Knochen rauslassen, konnten sie damals nicht ersetzen, war nun sein Markenzeichen, die Delle auf der Stirn. Die aber sah er immer im Spiegel und die erinnerte ihn an die Erkenntnis, die er damals als kleiner Piepel im Krankenhaus hatte wie eine Einleuchtung oder Vergebung oder, nein, wie eine Eingebung als Erleuchtung. Denn das war die zu jenem Satz in unserer Geschichte, den wir von Butze schon geh\u00f6rt haben. Und seitdem lebt er, wie er will, nicht, wie er soll. Und nicht anders.<br \/>\nUnd zus\u00e4tzlich sind da noch diese verfickten Staatsidioten. Die wollen auch aus einem machen, von klein auf, was f\u00fcr den verdammten Staat gut ist. Da muss sich einer auch gegen wehren, um nicht in der Verbl\u00f6dung zu leben, als w\u00e4re einer schon tot, obwohl einer noch atmet. Das hie\u00df f\u00fcr Butze, dass seine Freiheit dort begann, wo er den Mund aufmachte, um Nein zu sagen. Erst bei den Alten, die ihn gemacht haben, dann in der Schule, und sp\u00e4ter auch bei den Bullen, ist doch klar. Schei\u00df auf den Knast. Hauptsachen mein Wille ist frei.<br \/>\nAllerdings und nicht zu vergessen und nicht als Letztes zum Schluss, sondern f\u00fcr die Pointe, gibt es noch die gefahrvollsten Menschen f\u00fcr einen Kerl, ihn an einem Leben zu hindern, wie er das leben will. Das sind die verdammten Weiber. Und auch da hatte unser alter Bernd Uhlig seine Erfahrungen. Seine einschl\u00e4gigen Erfahrungen sogar. Mehr als genug.<br \/>\nDas alles aber, was er so erfahren hat, das hat ihn zu dieser Weisheit gebracht, dass es wertvoller und angenehmer ist, so zu leben, wie er leben will. Denn nichts ist es wert, so zu leben, wie einer soll. Da wird einer verhunzt. Da wird aus einem ein dressierter Affe in Menschengestalt gemacht. Und das wollte unser Butze nicht. Und weil sein Wille zur pers\u00f6nlichen Freiheit ein \u00fcberaus starker ist, war er auch \u00fcber die H\u00e4lfte seines bisherigen Lebens im Knast. Erst im Osten. Und dann im Westen. Weil es ja \u00fcberall Menschen und Staatssysteme gibt, die einen eben nicht immer so leben lassen wollen, wie einer sich das vorstellt. Da eckt einer auch mal an. Da kann einer auch mal geh\u00f6rig eingepackt und eingesackt werden. Entweder mit der Faust im Gesicht oder einem Kn\u00fcppel auf dem Wanst eines andern oder im Jugendwerkhof im Osten wegen kleiner Scheckvergehen oder wegen geklauter Sachen oder wegen einer kleinen Keilerei oder im richtigen Knast in Bautzen wegen Abwehr von einigen Genossen Volkspolizisten, die unsern Butze mal eint\u00fcten wollten nach einer Schl\u00e4gerei um geklaute Ware, doch er wollte sich von den Genossen nicht eint\u00fcten lassen. Oder bis hin nach Tegel jetzt im Westen haben sie ihn verfrachtet wegen vieler \u00e4hnlicher sogenannter strafrechtlicher Vergehen wie Betrug, Hehlerei und grobe K\u00f6rperverletzungen. Oder, wie bei unserm alten Paraver f\u00fcr die letzten 13 Jahre, waren da auch mal ein paar Drogengeschichten mit dabei. Wegen der Effektivit\u00e4t, was sp\u00e4ter an Kohle f\u00fcr einen \u00fcbrig bleibt. Und wenn er nicht verraten worden w\u00e4re, h\u00e4tte er die letzten 13 Jahre drau\u00dfen gut leben k\u00f6nnen.<br \/>\nAber Beruf ist nun mal Beruf. Gelernt ist gelernt. Profi ist und bleibt Profi. Denn wof\u00fcr lebt einer, bis er stirbt? F\u00fcr seine Freiheit, wof\u00fcr sonst.<br \/>\nWarum sich hier auf diesem herrlichen Planeten durch ein Leben qu\u00e4len, das einer nicht will? Das w\u00e4re ja dumm, weil am Ende nichts bliebe, woran man sich vorm Tod mit Gl\u00fcck erinnern k\u00f6nnte. Das w\u00e4re ja die pure Verschwendung von M\u00f6glichkeiten, gl\u00fccklich zu sein und nicht nur zufrieden. Das w\u00e4re also ein absolut ungelebtes Leben.<br \/>\nNee, nicht mit unserm alten Bernd Uhlig. Da qu\u00e4lt er sich lieber durch die Tage, wie er sich qu\u00e4len will. Auch wenn er daf\u00fcr mittlerweile mehr saufen muss, als der Teufel selbst vertr\u00e4gt. Und einen Magendurchbruch deshalb hat er schon \u00fcberlebt. Schon 20 Jahre ist das her, als ein Chirurg ihm sagte, dass er seine Bauchschmerzen nicht wegen des Streits mit der Ollen hatte, die damals bei ihm wohnte und ihn beklaute und ihm den Schnaps unbezahlt wegsoff, nein, er hatte seine schei\u00df Bauchschmerzen, weil in seinem Magen ein kleines Loch aufgebrochen sei durch ein Geschw\u00fcr, dass er nun wahrscheinlich doch wegen der Streitereien mit dieser Ollen damals hatte. Na gut, hatte Bernd gesagt, dann legt mich flach und macht mich bet\u00e4ubt und n\u00e4ht das Fass wieder zu und dann mich auch wieder, damit ich sie rausschmei\u00dfen und in Ruhe allein weitersaufen kann. Und so ist der alte Paraver damals wiedermal dem Teufel von der Schippe gesprungen.<br \/>\nUnd die Gefangenenanlagen, in denen er auch sein Leben ne Zeit lang verbrachte, waren nur Stationen auf dem Weg zu ihm, dachte er. Denn wenn er so lebte, wie er wollte, musste er sich selbst ja perfekt kennen. So glaubte er, sich selbst wirklich zu kennen. Aber das ist so ein Ding mit der Gewissheit seines Selbst. Woher will ich mit Sicherheit wissen, dass ich das auch bin, was ich glaube zu sein? Ganz sch\u00f6n viel, was die verdammte Realit\u00e4t von einem verlangt. Einer soll wissen, wer er ist, darf sich aber dessen nie sicher sein. Und das nur, damit er lebt, wie er will. Weil er nur tats\u00e4chlich wissen kann, was er wirklich will, wenn er gleichzeitig wei\u00df, wer er ist, oder?<br \/>\nButze also war bald klargeworden, dass wirkliche Freiheit auch einiges an Lebenszeit und Erfahrung kostet. Das war so sicher wie sein t\u00e4glicher Durst auf Sternburger Export und Kr\u00e4uterschnaps. Aber diese Freiheit f\u00fchlte sich auch so geil an, dass sie alle Zeit wert war.<br \/>\nAllerdings, und dieser Gedanke kam ihm in letzter Zeit h\u00e4ufiger, fehlte ihm was. Er wusste noch nicht genau, was es war. Aber als er vor drei Wochen wieder das Staatshotel in Tegel verlassen musste in Richtung Pankow, stand er kaum drau\u00dfen vor der T\u00fcr jener JVA auf der Seidelstra\u00dfe und f\u00fchlte zwar erst die sogenannte Freiheit, aber kurz darauf auch, dass ihm was fehlte. Was konnte das nur sein? Der Mut zu dem, was nach 13 Jahren aus Berlin geworden war? Oder dass er sich nun wieder allein um sich selbst k\u00fcmmern musste? Dass also die Regeln im Knast ihm fehlen w\u00fcrden? Oder die Freunde darin? Seine wirklichen Freunde? Die seine Familie geworden sind? Wo war er wirklich zuhause?<br \/>\nHeimat ist doch dort, wo der Mensch von andern Menschen verstanden, respektiert und geliebt wird, weil er so ist, wie er ist, also so lebt, wie er lebt, oder? Also wo wirkliche Freundschaft ist, oder?<br \/>\nButze war sich da noch uneins und verdr\u00e4ngte dieses unangenehme Gef\u00fchl aus Verlust und Unsicherheit erst mal mit nem Viererpack kleiner Pullen Hubertuskr\u00e4uterlik\u00f6r und 3 Flaschen Sternburger Export. Das waren die besten Schmerztabletten, die er kannte. Und ohne Rezept zu kriegen in einem Supermarkt da um die Ecke der JVA. Da brauchte er zu keinem Arzt zu gehen und dem was von krank oder so vorzumachen. Da reichten ein paar Euros in der Tasche. Und die hatte er mit auf den Weg in die neue Freiheit bekommen.<br \/>\nUnd saufen musste er auch, weil die Welt hier drau\u00dfen sich so ver\u00e4ndert hatte, dass es ihm schwerfiel, sich wie zuhause zu f\u00fchlen. Vor allem auf den Stra\u00dfen in Pankow. Da war seine letzte Wohnung. Und da wollte er erst einmal hin. Er wollte sehen, ob er da noch wohnte. Wohin sollte er sonst? Die vom Knast haben ihm die Adresse von nem christlichen Wohnheim gegeben. In der Berliner Stra\u00dfe, da in Pankow. Aber da wollte Butze nicht hin. Lieber frei und saufen und dann mal sehen, was so auf ihn zukommt.<br \/>\nUnd da stieg er am Pankower Bahnhof aus der S-Bahn vor drei Wochen und ging die Stufen runter und dann nach links und raus auf die Florastra\u00dfe am Garb\u00e1typlatz und stand das erste Mal wie geschockt und erstarrt.<br \/>\nWie sieht denn mein verdammtes Pankow aus! Und das zur Begr\u00fc\u00dfung! Was haben die aus meinem alten schei\u00df verfickten Garb\u00e1typlatz gemacht! Was sollte diese dunkelgraue Depression aus Beton direkt gegen\u00fcber bedeuten? Etwa \u2013 Reisender, der du kommst an diesen Ort, troll dich schleunigst wieder, denn hier erwartet dich nichts wirklich Erbauliches, sondern nur Ern\u00fcchterung und die Niederkunft deines Geistes in die wahre Gosse aus Alkohol und Drogen und Prostitution aus kaltem grauem Beton in wahrem Elend, kurz dich erwartet nur das moderne Pankow! Aller G\u00f6tter Narretei und Gier und Fresslust auf Menschenfleisch erwartet dich hier, nichts sonst. Also hau ab, wenn dir dein letztes bisschen schei\u00df Leben lieb ist.<br \/>\nDoch Butze zwang sich zur Ruhe.<br \/>\nGro\u00dfer, du warst jetzt 13 Jahre im Knast, da kann sich drau\u00dfen was ver\u00e4ndern. Insgesamt warst du \u00fcber 30 Jahre im Knast, wer z\u00e4hlt da noch mit, und hast alles \u00fcberlebt, was es zu \u00fcberleben gab. Dann schaffst du auch dieses verdreckte verfickte versauerte und depressive Pankow.<br \/>\nUnd er ging weiter vor zur S-Bahn Br\u00fccke und dabei quer \u00fcber den Damm nach links, weil er zur Berliner Stra\u00dfe wollte. Aber was er auf diesen 50 Metern schon erlebte, war der Stress der modernen Stadt pur und f\u00fcr einen alten Knacki ein gewaltiges Erfahrungserlebnis. Da rammelten die Blechkarren auf der Stra\u00dfe gegen die Pedalritter und die gegen die Blechkarren zur\u00fcck. Dazwischen sprangen die Fu\u00dfg\u00e4nger hin und her, sch\u00fcttelten mit den K\u00f6pfen und k\u00e4mpften weiter darum, heile an Leib und Extremit\u00e4ten auf die andere Stra\u00dfenseite zu kommen. Der Bernd h\u00e4tte nat\u00fcrlich zum beampelten Fu\u00dfg\u00e4nger\u00fcberweg gehen k\u00f6nnen, um gefahrlos \u00fcber die Stra\u00dfe zu gehen. Aber Regeln sind daf\u00fcr da, um sie zu ignorieren. Was auch viele andere Menschen taten. Und f\u00fcr unsern Bernd Uhlig, den halbbeglatzten Pykniker in frischer Freiheit, geh\u00f6rten Radfahrer auch zu dieser Gruppe. Denn kaum war er \u00fcber die Flora lebend gekommen, da rauschte so ein Kollege auf seinem Rad an ihm vorbei und eckte ihn auch an und das auf dem Gehweg. Und Butze stand wieder wie eine S\u00e4ule, starrte den Typen an und wusste nicht, ob er was sagen sollte. Das aber \u00fcbernahm der Typ auf dem Rad und verlangte von ihm, dass er sich tats\u00e4chlich entschuldigen solle, ihm nicht Platz gemacht zu haben, auf dem Gehweg, das stelle sich einer vor, auf dem Gehweg als Fu\u00dfg\u00e4nger einem Radfahrer nicht Platz gemacht zu haben.<br \/>\n\u201eAus dem Weg, du bl\u00f6de Sau!\u201c, hatte der Kerl auf dem Zweirad gebr\u00fcllt. \u201eIch habe doch geklingelt!\u201c<br \/>\nFrechheit, hat sich der Bernd gedacht \u2013 ich habe doch geklingelt \u2013 wie h\u00f6rt sich das denn an! Da ist unser Butze sofort ab wie eine Rakete, um den Rowdy am Schlafittchen zu packen. Aber der Kerl hat noch nie so tief in die Pedale getreten wie in den folgenden Sekunden. Der ist schneller weg und vorne um die Ecke gewesen, als ein betagter Knastbruder mit zwei drei H\u00fchneraugen rennen kann.<br \/>\nDoch das war noch nicht alles an \u00dcberraschungen an jenem Tag. Der Uhlig ist erst mal weiter in Richtung seiner alten H\u00fctte gegangen, vorne nach links auf die Berliner in Richtung Breite Stra\u00dfe und kam aus dem Kopfsch\u00fctteln nicht raus. \u00dcberall neue H\u00e4user gebaut. Und \u00fcberall so viele andere Menschen.<br \/>\nWas sind denn das f\u00fcr Leute hier? Machen die hier alle Urlaub, oder was? Was ist denn mit meinem Pankow los? Vor allem \u2013 in welcher Sprache reden die miteinander? Was ist das denn f\u00fcr ein Kauderwelsch? Verstehen die sich \u00fcberhaupt?<br \/>\nIhm blieb nichts \u00fcbrig, als sich in einem Sp\u00e4ti schnell zwei Sternburger Export und zwei kleine Hubertuskr\u00e4uter zu kaufen und die auch gleich auf Ex zu saufen. Und \u00fcber den Preis, den der junge Kerl da drinnen aufgerufen hat, wunderte sich Butze nicht. Wird ja alles teurer, mit der Zeit. Wie die Zeit selbst ja auch.<br \/>\nSo gest\u00e4rkt und weniger anf\u00e4llig f\u00fcr Verwunderungen, ging er weiter die Berliner bis zur Breiten Stra\u00dfe vor und dort dar\u00fcber, hier aber nach der Ampelpflicht, das war ihm sicherer, und weiter ging er noch nach links und dann nach rechts in die Ossietzky rein und Richtung Schlosspark.<br \/>\nNach weiteren knappen 100 Metern in der Ossietzky blieb er stehen. Und zum dritten Mal wie angewurzelt. Denn das Haus, in dem er mal gewohnt hatte, war nicht mehr da. Butze traute seinen Augen nicht. Denn dort, wo das Haus mal stand, in dem er mal gewohnt hatte, stand jetzt ein anderes Haus; ein neues Haus. Zumindest sah es aus wie frisch gebaut und hatte sicher keine Wohnung f\u00fcr unsern Bernd. Denn auf keinem Briefkasten stand sein Name.<br \/>\nDa ist einer mal im Knast f\u00fcr ein paar Jahre, sagte er zu sich, da ist hier drau\u00dfen alles gleich ganz anders. Die haben doch alle nen Knall, die Leute. Warum tun die das? Warum machen die immer alles neu? Und anders? Sie wollen doch nur wohnen?<br \/>\nUnd er wusste nun einen Teil von dem, was er vermisste, als er am Morgen vor der JVA stand mit dem Gesicht zu Berlin. Die Sicherheit, ein Dach \u00fcber dem Kopf zu haben.<br \/>\nOkay, hat er gedacht, hier geh\u00f6r ick sowieso nich mehr hin, ihr alten Paraver. Ihr k\u00f6nnt mir alle mal am Arsch lecken, aber gleich nach dem Schei\u00dfen und bevor ich f\u00fcrs Abwischen noch Papier missbrauche, jawohl!<br \/>\nBei einem ehemaligen Kumpel, der sich auch als aktueller gleich entpuppte, war er dann vorerst untergekommen. Der wohnte in der Heynstra\u00dfe, hatte sich in einem zweiten Hinterhof Parterre, in der dunkelsten bewohnbaren Ecke dieses Stadtbezirks \u00fcberhaupt, verschanzt in einer kleinen Einraumwohnung ohne K\u00fcche, aber mit Dusche und separat ein Klosett mit Fenster, und hatte dort allen Widrigkeiten der Modernisierung erfolgreich getrotzt. Nat\u00fcrlich hat er den Bernd erkannt, als der arme Kerl vor seiner T\u00fcre stand, sofort eine Kiste Sternburg Bier Export unterm Bett hervorgeholt und ne gro\u00dfe Flasche Hubertuskr\u00e4uter dazu und den alten Butze zum Saufen eingeladen. Macht doch jeder. So ein kleines Fest zum Wiedersehen. Und Bernd hat ganz flei\u00dfig ein paar Bier gekippt und ebenso flei\u00dfig auf die geldgeile Welt geschimpft. \u201eDit sin doch allet Schweinehunde.\u201c Butze war auf Hundertachtzig und sprach schon recht feucht. \u201eUns unbescholtne B\u00fcrger schmei\u00dfense f\u00fcr jeden Fliegenschiss innen Bau, aba machen eenfach een Haus kaputt un bauen een neues un d\u00fcrfen das, ohne Probleme zu kriegen wegen der Frechheit, einem einfach die Bude abzurei\u00dfen!\u201c \u201eJenau. Die stecken alle unter eener Decke.\u201c \u201eUn z\u00e4hlen da ihre Scheine, wie wir, weest`e noch? Als kleene Piepels? Wie wa uns die Pornos da unter der Bettdecke anjekiekt hahm? So machen die ditte mit ihre Kohle offn Konto irjendwo zwischen die Seichellen un de Malediewen. Die sin alle gleich, allet korrupte Hosenschei\u00dfer. In een Sack damit un druff mitt`em Kn\u00fcppel un du triffst immer den Richtchen\u201c \u201eJenau. Allet kleene Pornokieker.\u201c Aber da ist der Bernd ganz nah an seinen Kumpel Klaus rangerutscht, weil ihm ein toller Gedanke gekommen ist. \u201eIck verspresch dir, Keule, ick hol mir watt vom Kuchen, un dit noch die n\u00e4schsten Wochen oder gar Tache.\u201c \u201eWie denn, Bernd, willste det Tschobzenter inne Luft schie\u00dfen?\u201c \u201eNee, meen Gro\u00dfer, ick mach da doch den armen Hartz-vier-Paravern nich ihrn Arbeitgeber kaputt. Ick bin doch en Profi, Altar, ick \u00fcberfall ne rischtische Geldquelle. Ick brauch nur ne Wumme, dann hol ick mir meene Wohnung zur\u00fcck.\u201c<br \/>\nSo sprach der \u00fcber 60 j\u00e4hrige Paraver Bernd Uhlig mit \u00fcber 30 Jahren Knast als Erfahrung in sich bei seinem Kumpel Klaus, schon betrunken beide vom Sternburger Exportschlager und Kr\u00e4uter mit Hubertusalkoholgehalt im zweistelligen Bereich, und sie strotzten vor Kraft, denn was kostet die Welt! Ein paar starke Spr\u00fcche und Bier und Kr\u00e4uter und ein Dach \u00fcber dem Kopf.<\/p>\n<p>Das ist nun drei Wochen her. In der Zwischenzeit ist der Sommer 2019 in Berlin schon ganz sch\u00f6n reif geworden. Die Hitze dr\u00fcckt den letzten Rest Sternburg aus dem Leib, doch Butze hat immer noch keine Bude. Aber er kann bei seinem Kumpel Klaus wohnen, weil der sich verpisst hat zu ner Freundin nach Rostock. Von dort schickt der immer Bilder vom Strand, wenn die beiden da im Sand saufen und knutschen und sich wohlf\u00fchlen. Zumindest tun die so.<br \/>\nUnd so hat jeder was davon. Butze braucht noch keine Bank zu \u00fcberfallen. Und Klaus friert auch nachts nicht mehr allein in seinem Bett.<br \/>\nObwohl. Das mit dem \u00dcberfall von einer Sparkasse hat sich festgesetzt in Butzes Sch\u00e4del. Denn was er hier so erlebt hat in Pankow, w\u00e4hrend er wieder da ist und unterwegs war, so von Bar zu Bar und von Kneipe zu Kneipe, das gibt ihm kein Gef\u00fchl von Wohlergehen. Schon gar nicht von einem Zuhause. Doch das braucht ein Mann doch, und vor allem ein Mann in Butzes Alter braucht das Gef\u00fchl, zuhause zu sein, angekommen, sicher und ruhig sterben zu k\u00f6nnen, oder?<br \/>\nHatte der Bernd Uhlig nicht. Nicht mehr in seinem Pankow.<br \/>\nUnd der Abend vor zwei Tagen hatte ihm den Rest gegeben. Der muss erz\u00e4hlt werden, um das zu verstehen, was unser alter Paraver mit der Uzi heute noch anstellen will.<\/p>\n<p>Die Bar, an deren Tresen Butze an diesem Abend vor zwei Tagen also stand, war nicht am alten Garb\u00e1typlatz, aber auch an der Berliner Stra\u00dfe. Die war auf der andern Seite der S-Bahn-Br\u00fccke, direkt an der Kreuzung zur Granitz. Und eine Bar heutzutage zu beschreiben, lohnt kaum noch. Die sind doch alle gleich, wie die Menschen darin auch, sehen nur jede und jeder etwas anders aus. Da war ein Tresen mit ein paar Hockern, um im Stehen oder Sitzen was zu trinken. Dann waren da Tische und B\u00e4nke, ja, B\u00e4nke, weil die moderne Bar im sogenannten amerikanischen Stil gemacht worden ist, ohne St\u00fchle an den Tischen wie in alten Kneipen, sondern mit B\u00e4nken, wo zwei oder drei oder mehr Menschen auf einmal drauf sitzen und sich auch noch ber\u00fchren konnten mit den Flanken beim Saufen. Und \u00fcberall war buntes Licht und laute Musik.<br \/>\nAlso so ungef\u00e4hr war diese Bar auch, mit Namen OLYMP, muss gesagt sein, da diese Bar in unseren Episoden hier noch eine wichtige Rolle spielen wird. Dieses Mal eine f\u00fcr unsern alten Bernd Uhlig.<br \/>\nDer stand also am Tresen und bestellte gerade noch ein Pilsener und einen Kr\u00e4uter bei der kleinen H\u00fcbschen dahinter und blickte sich beim Jungvolk in der Bar um, das an den Tischen sa\u00df und soff oder am Dartautomaten stand und Pfeile warf und soff oder an den zwei Spielautomaten sa\u00df und Kohle verlor und soff oder mal zum Klo ging und pisste und Nasenpulver zog und wieder in die Bar zum Saufen kam, wobei es nun vor sich hin grinste wie alte Paraver mit Mustopfgesicht und wei\u00dfer Nasenspitze, w\u00e4hrend es wei\u00dfen Rotz hochzog.<br \/>\nAlso war alles an diesem Abend vor zwei Tagen wie ganz normal. Und f\u00fcr unsern alten Paraver war das seit drei Wochen, seit er wieder in Pankow war, jeden Abend so ganz wie normal. Weil er jeden Tag saufen war, wenn er sich aus der Bude seines Freundes rausschleppen konnte. Und er war mit seinem neuen Freund unterwegs. Einem Fahrrad. Das hie\u00df auch Klaus, weil unser Butze das auch vom Klaus bekommen hatte. Und sein neuer Freund brachte ihn immer hin zum Saufen und zur\u00fcck. Der Bernd kam immer heile an. Egal in welche Richtung er den Klaus benutzte. Und egal wie besoffen er war.<br \/>\nDa hatte seine neue Freiheit eine feste Gr\u00f6\u00dfe. Das Fahrrad. Und damit einen neuen wahren Freund. Das Fahrrad namens Klaus.<br \/>\nAber an diesem Abend, im OLYMP, da war doch noch etwas anders, obwohl an sich alles wie immer schien. Und Butze wusste noch nicht, was und warum da was anders war als sonst. War er noch nicht besoffen genug? Das hatte er gedacht und sich noch ein Bier bei der kleinen H\u00fcbschen da hinterm Tresen bestellt und einen Kr\u00e4uter noch dazu. Er zahlte auch gleich, wie die kleine H\u00fcbsche da das wollte, um sicher zu gehen, dass der Butze nicht besoffen abhaute, ohne zu zahlen. Aber das war auch wie immer. Und der alte Paraver zahlte Bier und Schnaps und nahm die beiden Sachen und setzte sich in die Ecke an den einzigen noch freien Tisch von f\u00fcnfen in der Bar.<br \/>\nEr trank vom Bier und trank den Schnaps und fragte sich \u2013 geht\u2019s besser? Nee, da war immer noch so ein komisches Gef\u00fchl in ihm, dass heute Abend hier was anders war. Doch alles schien noch immer wie gehabt. Junge Menschen waren da, noch nicht ganz besoffen, aber gut gezogen hatten sie schon. Sie sa\u00dfen an den Tischen oder waren am Dartspielen oder am Kohleverlieren an den Geldautomaten.<br \/>\nButze dachte an seinen Tag zur\u00fcck, ob da was gewesen war, was ihn jetzt so was Komisches f\u00fchlen lie\u00df wie, dass was anders war als sonst. War an diesem Tag was anders gewesen?<br \/>\nEr war zum Mittag aufgewacht, war pissen gegangen, hatte sich zwei Sternburg Export aus dem Kasten gezogen, hatte die aufgemacht und fast auf ex, also in wenigen Minuten einlaufen lassen und sich wieder hingelegt und war auch wieder eingepennt. Wie seit Tagen auch. Dann war er zu 15 Uhr wieder aufgewacht, weil er wieder pissen und noch mehr musste, hatte das auch getan und mal aus dem Fenster geschielt und den blauen Himmel gesehen. Also musste drau\u00dfen wieder einer dieser herrlich warmen Sommertage sein mit viel Sonne wie seit Tagen schon. Da hat unser Freund sich Wasser \u00fcber Gesicht und Bauch geworfen, sich die Z\u00e4hne geputzt, sich gesalbt und gepudert und was angezogen und etwas Wurst und Brot zum Fr\u00fchst\u00fcck genommen und zwei Sternburg Export als Kaffee dazu. Und f\u00fchlte sich wie die letzten Tage auch. Gut gest\u00e4rkt und ausgeschlafen und bereit f\u00fcr die Tour zum S-Bahnhof. Da war er auf den Hinterhof und hatte den Klaus zur Hand genommen und ihn auf die Heynstra\u00dfe rausgeschoben und sich draufgesetzt und war in Richtung seines Ziels nach vorn zur Flora gefahren und auf der nach rechts zur M\u00fchlenstra\u00dfe. Wie jeden Tag auch. Und die Sonne schien und die Blechkarren fuhren und ein paar Menschen gingen auf den Wegen. Wie immer. Und am Sp\u00e4ti neben dem OLYMP, zu dem er immer als erstes fuhr, weil er den Chef des Ladens sehr gut kannte und dem auch was Umsatz abgeben wollte, hatte er den Klaus abgestellt, war hineingegangen und hatte den Tag mit Bier und Kr\u00e4uterschnaps so richtig begonnen. Da sa\u00dfen dann auch davor auf der Terrasse ein paar alte Kollegen, mit denen er Karten spielte und nat\u00fcrlich 5 Euro mal gewann und mal verlor. Wie immer die Tage. Als es aber gegen 20 Uhr f\u00fcr die alten Kumpels schon zu sp\u00e4t war vorm Sp\u00e4ti und die nachhause mussten, weil sie zu besoffen waren zum Weiterspielen und Weitersaufen, war Butze nach nebenan in die Bar gegangen, hatte sich an den Tresen gestellt und bei der kleinen H\u00fcbschen da dahinter sein erstes Gedeck zu sich genommen. Bis dahin war auch noch alles normal. Aber dann, dann wurde es komisch. Es begann mit den ersten jungen Menschen, die in die Bar kamen und den Abend dort verbringen wollten. Die waren alle so zwischen 18 und 40 Jahren alt, glaubte Butze. Obwohl er sich bei den 18 auch irren konnte wie bei den 40 auch. Aber die begannen wie immer zu saufen und zu zocken und hatten dabei ihre Musik auf dem gro\u00dfen Bildschirm an, der an der Wand hing f\u00fcr alle sichtbar und wo man den Leuten, die da sangen, auch noch als Video beim Tanzen zusehen konnte. Und die Jungs pr\u00e4sentierten sich beim Dartspielen oder noch stehend am Tresen. Und die M\u00e4dels tuschelten auf den B\u00e4nken an den Tischen so zu sich zu. Also alles war wie immer. Und alles noch fast normal, da noch keiner wirklich besoffen war.<br \/>\nDoch unser alter Paraver f\u00fchlte sich unwohl. Vielleicht weil er pissen musste? Also ging er auf die Toilette. Da fand er nat\u00fcrlich auf dem wei\u00df gefliesten Absatz da \u00fcber dem Klobecken eine wei\u00dfe Staublinie, wie immer. Und er lie\u00df sie liegen. Wie immer. Er zog so was nicht mehr, schlie\u00dflich war er daf\u00fcr auch die letzten Jahre im Knast gewesen. Weil er das Zeug verkaufte in rauen Mengen und dabei sein bester Kunde geworden war. So was fliegt irgendwann auf, wenn der Dealer sein bester Kunde ist, aber Butze wollte ja leben, wie er wollte, nicht, wie er sollte. Deshalb hatte er zu sich selbst kein schlechtes Gewissen.<br \/>\nAllerdings, als er da so stand und pisste und die Linie begutachtete, h\u00f6rte er Ger\u00e4usche vom Nachbarklo, die klangen, als machten es sich da gerade zwei Menschen sch\u00f6n. Erst die Frau im St\u00f6hnen und dann beide im Duett. Da ging es also ganz sch\u00f6n zur Sache. Koks machte ja auch geil. Und diese Geilheit musste ja irgendwohin. Das verstand der alte Butze, weil er das von sich auch kannte.  Also war auch das wie immer. Und es war auch besser, sich die Geschlechter zu befrieden, als sich zu pr\u00fcgeln.<br \/>\nDoch als er rausging und in die Bar zur\u00fcckschlurfte, sah er die beiden aus der Toilette kommen und grinste, weil er die Frau kannte und sich wunderte, warum der Typ daneben so anders aussah als der Letzte letzte Woche.<br \/>\nWar da dieses gewisse ungewisse Andere des Abends? Das wollte Butze rauskriegen, weil der Typ von letzter Woche auch da und zudem ein Kumpel von ihm war. J\u00fcnger, klar, so Mitte 30 war der Typ und die Olle so Mitte 20, aber man wei\u00df ja nie. Doch Bernde wollte den Spa\u00df und ging raus auf die Terrasse des OLYMP zur Berliner Stra\u00dfe in den lauen Sommerabend und setzte sich neben seinen Kumpan. Fr\u00fcher ein guter Kunde. Mal sehen, ob der heute einen Spa\u00df verstand. Einen Butzespa\u00df nat\u00fcrlich, also einen derben.<br \/>\n\u201eHey, Butze, alter Paraver!\u201c So wurde er begr\u00fc\u00dft. \u201eSetz dir! Bist ja noch n\u00fcchtern. Willste een Bier?\u201c<br \/>\n\u201eKlar.\u201c Und Butze setzte sich und zu folgendem Dialog an: \u201eIcke nehm wie immer een Pilsener. Sterni haben die ja immer noch nich. Aber, Alter, wat icke dir fragen wollte. Wat issn mit deine Ollen los? Die hat grade offm Klo mit nem andern Schwanz gest\u00f6hnt. Is wo nich mehr deine Olle?\u201c<br \/>\n\u201eWatten f\u00fcr ne Olle, Alter. Siehste hier eene?\u201c<br \/>\n\u201eNa, die von letzte Woche da, die Kleene mit dem kleenen geilen Arsch. Isse nich mehr deine?\u201c<br \/>\n\u201eAch, die, Alter. Nee. Wenn mit mir nich gefickt wird, wie icke ficken will, denn is det nich mehr meine Olle.\u201c<br \/>\n\u201eDet is ma een Wort, Digger. Un, biste jeze traurich, oder wat? Brauchste wen zum Reden?\u201c<br \/>\n\u201eWat, Alter, icke un traurich un reden! Nee, bin froh, det icke die los bin. Hier, Alter, hier is een Bier f\u00fcr dir un een Kurzer.\u201c<br \/>\n\u201eWie bei dem andern Kerl inne Hose, wat!\u201c<br \/>\n\u201eJenau, Alter, du passt inne Welt. Un weg den Schei\u00df.\u201c<br \/>\nButze trank und gr\u00fc\u00dfte die Jungs noch und ging wieder in die Bar rein. Das war also auch wie immer. Doch als er sich setzte und sich das alles wieder ansah, was er da in der Bar sah, die besoffenen zugedr\u00f6hnten jungen Menschen mit den gro\u00dfen runden Augen beim glotzenden Stieren auf das Krakeelen da aus dem Fernseher, da hatte er wieder das Gef\u00fchl, dass etwas anders war als sonst. Aber was war das nur, verdammter Mist!<br \/>\nWeiter konnte unser Freund aber nicht in seine Ungewissheit hineinf\u00fchlen, weil neben ihm eine Bierflasche auf den Boden fiel. Und krach und bum, war die kaputt. Der Typ aber, so grade 20 Jahre alt, der die hatte fallenlassen, ging einfach weiter und scherte sich nen Dreck darum. Und als die kleine H\u00fcbsche da von hinterm Tresen kam und den Mist wegmachen wollte, da stand der Butze auf und sagte brummig: \u201eMoment, M\u00e4uschen, du nich.\u201c<br \/>\nUnd Bernd Uhlig sah zu dem jungen Kerl, der schon wieder am Dart stand und dort lachte und ne neue Flasche Bier in der Hand hatte, und rief zu ihm wirklich laut, weil die Musik ja so laut war: \u201eHey, Junge, mach ma dein Dreck da weg!\u201c<br \/>\nDer Kerl aber glotzte nur bl\u00f6de zur\u00fcck: \u201eMachs doch selber, alter Sack!\u201c<br \/>\nButze traute seinen Ohren nicht. Was hatte der kleine Piepel da gesagt und dabei gegrinst?<br \/>\nUnd weil jeder hier wusste, wer der Bernd Uhlig war, war da pl\u00f6tzlich Stille. Nur die Musik gr\u00f6lte noch aus dem Fernseher, aber die schien niemand mehr zu h\u00f6ren. Interessanter war, was sich hier zwischen Alt und Jung entspann.<br \/>\nButze stand auf und ging auf den Jungen zu. Nun ist unser alter Paraver nicht sehr gro\u00df und wirkt auch was schm\u00e4chtig. Er hat die 175 Zentimeter wohl erreicht, aber an Muskulatur ist da nicht viel. Ein kleiner pyknischer Bauch ist nach vorn gewachsen, aber nicht wegen der Muskeln dahinter. Dennoch, als alter Knacki mit alten blassen, weil zu Ostzeiten schon teilweise nur in Ostknastqualit\u00e4t gestochenen T\u00e4towierungen bis zur Stirn war ihm anzusehen, dass nicht zu spa\u00dfen war mit ihm. Klein, alt, erfahren, z\u00e4h.<br \/>\nDer Junge aber, angetrunken und pubert\u00e4r, baute sich vor Butze auf: \u201eWat haste denn, du kleener alter Sack; willste mir Angst machen, oder wat!\u201c<br \/>\nUnd alle andern freuten sich schon auf diesen Film.<br \/>\nDoch Butze war kein Kerl der Angst, sondern der Taten. Blitzschnell packte er eine Hand des Jungen, dreht die mit dem Arm komplett auf dessen R\u00fccken und dr\u00fcckte ihn so in die Vorlage und schnappte sich mit der andern Hand seine Haare und zog so den Kopf, das Gesicht nach oben und sagte, in gutem Hochdeutsch immerhin, was er stets benutzte, wenn ihm eben nicht zum Spa\u00dfen zumute war. Er sagte also in das schmerzverzerrte Gesicht des Jungen hinein, so von oben herab: \u201eWeil du kleiner Wicht keinen Respekt hast, solltest du jetzt Angst vor mir haben, klar! Du machst deinen Dreck weg und gibst der kleinen H\u00fcbschen da ihr Lieblingsgetr\u00e4nk aus, das war irgendwas mit Sekt, glaube ich, und dann benimmst du dich. Zumindest so lange ich noch hier bin. Du verstehst doch Deutsch, oder?\u201c<br \/>\nGleichzeitig, in Butzes R\u00fccken, war noch etwas geschehen. Ein paar Freunde des Jungen waren aufgestanden, als Butze ihn schnappte, und wollten ihrem Kumpel helfen. Da waren aber noch drei andere Jungs, die schon fast wie M\u00e4nner aussahen und den Butze besser und l\u00e4nger kannten, an einem andern Tisch auch aufgestanden und hatten die Freunde des ungehobelten, respektlosen Verursachers unserer kleinen Rangelei angel\u00e4chelt, und damit war die Unterst\u00fctzung gebrochen.<br \/>\nUnd der Junge, als er wieder den Kopf frei bewegen konnte, hatte genickt, sich Schaufel und Besen genommen und die Scherben weggemacht. Und der kleinen H\u00fcbschen hinterm Tresen hatte er dann ihren Sekt bezahlt. Und die hatte dem Butze zugel\u00e4chelt und zugezwinkert mit den langen Wimpern.<br \/>\nGleichzeitig begannen die lauten Gespr\u00e4che wieder und die Musik gr\u00f6lte dazu und alle soffen, was sie gerade zum Saufen hatten, und alles war wieder wie immer. Nur in unserm alten Paraver nicht. Allm\u00e4hlich ging ihm auf, was an diesem Abend anders war. Sein Gef\u00fchl zur Freiheit seines Willens im Gegensatz zur Freiheit seines Wollens. Da war etwas Fremdes an diesem Abend. Und wenig sp\u00e4ter offenbarte es sich mit aller Wucht.<br \/>\nDenn mit dem Alkohol ist es wie mit einem Menschen. Er wird geliebt oder gehasst. Und da Lieben und Hassen zusammengeh\u00f6ren, je nach dem Gewicht der Schuld oder Unschuld auf je einer Seite, kann ich mich von ihm nicht trennen. Eine Ehe oder das Zusammenleben mit einem Menschen aus Liebe wird zwar geschieden, wenn der Hass \u00fcberwiegt. Ich lebe nicht mehr an seiner Seite, aber ich habe ihn noch in meiner Seele. Ebenso trennen mich die Schw\u00e4che meines K\u00f6rpers oder mein schlechtes Gewissen nach durchsoffenen Tagen vom Alkohol, aber ich habe ihn noch in meiner Seele. Wie zu einer wahren Liebe, die Kraft und Schutz in einem ist, krieche ich bald wieder zum Stoff und suche Kraft und Schutz im Saufen. Beides schenkt mir der Schnaps bis zu einer bestimmten Konzentration im Blut. Dann kippt mein Gef\u00fchl zu ihm in Hilflosigkeit und Hass, weil ich sp\u00fcre, dass er mir mehr nimmt, als er mir gibt. Ich krieche auf allen Vieren vor meinem Wunsch, die Abh\u00e4ngigkeit zu ihm zu besiegen. Ich werde zum Bettler an meiner Seele, die nicht mehr helfen kann, weil der Alkohol sie in seinen F\u00e4ngen hat. Mein Hass gegen ihn wandelt sich in Aggressivit\u00e4t gegen andere Menschen, die jetzt daran schuld sind, dass ich saufe. Wie meine Eifersucht in verratener Liebe sich gegen den Menschen richtet, der Schuld daran hat, dass meine Liebe mich verraten hat. Ich \u00fcbe Gewalt gegen Menschen, die keine Schuld an meiner Verzweiflung und meinem Saufen haben, weil jeder Mensch allein f\u00fcr sich Schuld tr\u00e4gt an dem, was er tut. Und was er nicht tut. Der Alkohol aber wie auch mein Gef\u00fchl, dass meine Liebe verraten worden sei, hindern mich daran, die Wirklichkeit auch wirklich zu sehen. Wie sie tats\u00e4chlich ist. Doch ich bin daf\u00fcr verantwortlich, wie ich lebe. Ich habe in jedem Augenblick die M\u00f6glichkeit, mich zu entscheiden. Freiheit bedeutet, sich den Folgen meines Handelns bewusst zu sein. Nicht einfach tun, was ich will. Denn ich kann saufen oder nein sagen, weil ich wei\u00df, was das Saufen aus mir macht. Abgesehen von den anderen Drogen, die heutzutage zus\u00e4tzlich noch konsumiert werden zum Alkohol und die meine Unfreiheit noch verst\u00e4rken, obwohl sie mir den Glauben schenken, dass es andersherum sei, dass sie mich frei und stark machten. Was sie allerdings nicht tun. Ganz das Gegenteilige sogar.<br \/>\nAber sage ich das einem Besoffenen gegen Mitternacht vor einem Berliner Sp\u00e4ti oder gar vor dem OLYMP, dann kann es passieren, dass er sich nicht daf\u00fcr entscheidet, was ich meine, also einfach nachhause geht und seinen Rausch ausschl\u00e4ft, sondern dass er mir eine in die Fresse haut, weil er sich provoziert f\u00fchlt. Denn Wahrheit provoziert; da hat er recht. Und das kommt zu unserer erz\u00e4hlten n\u00e4chtlichen Tageszeit unter kaputten Seelen ziemlich h\u00e4ufig vor, dass sie sich missverstehen. Dieses Mal erwischt es eine Frau. Wir nennen sie Paula oder Renate oder Ilona oder Karla oder Annett oder wie auch immer. Sie lag gegen Mitternacht vor der Terrasse des Sp\u00e4ti neben dem OLYMP, hatte gekotzt, konnte aber nicht mehr aufstehen, weil sie seit Nachmittag zu viel gesoffen hatte. Das st\u00f6rte nat\u00fcrlich zwei M\u00e4nner oben auf den Terassenst\u00fchlen, die auf sie niederbr\u00fcllten und sie damit verjagen wollten. Unsere Betrunkene aber konnte nicht mehr aufstehen, so voll war sie, und lag weiter in ihrer Kotze.<br \/>\nButze sa\u00df gerade nebenan auf der Terrasse des OLYMP und fragte sich, ob er der Frau helfen sollte. Nein, sp\u00fcrte er, selbst wenn er wirklich wollte, denn das konnte er nicht mehr, weil er auch schon zu besoffen war. Also sah er weiter zu.<br \/>\nUnd als die beiden lauten Trunkenbolde vor dem Sp\u00e4ti aufstanden und zu der Frau gingen und sie aufhoben, um sie wegzuschleifen, wer wei\u00df wohin, standen auch zwei Typen vor dem OLYMP auf und rissen den ersten beiden die besoffene Frau aus den H\u00e4nden.<br \/>\n\u201eLasst die Alte in Ruhe, ihr Arschl\u00f6cher!\u201c<br \/>\n\u201eDann fick du sie doch!\u201c<br \/>\n\u201eDie kotzt dir auf den Schwanz, wenn du ihn reinsteckst.\u201c<br \/>\n\u201eWillst du eine aufs Maul, oder was!\u201c<br \/>\n\u201eWegen der Fotze pr\u00fcgel ich mich nicht.\u201c<br \/>\n\u201eAber du hast Arschloch zu mir gesagt!\u201c<br \/>\nUnd schon flogen die F\u00e4uste und unsere Betrunkene fiel wieder auf ihre Nase. Und die andern, die jetzt noch vor dem Sp\u00e4ti und dem OLYMP sa\u00dfen oder standen, sahen sich die Sache wie einen Film im Kino an. Bis einer der Schl\u00e4ger in der Frauenkotze ausrutschte und alle Viere pl\u00f6tzlich auf einem Haufen lagen, als wollten sie sich lieben. Da durchschnitt ein zuckendes Blaulicht inklusive einem scharfen Alarmton die Idylle vor beiden L\u00e4den. Irgendein Bewohner des Hauses hatte die Bullen gerufen. Die r\u00fcckten in zwei Streifenwagen an. Die kannten beide Kneipen schon. Aber man konnte ja nicht jede Kneipe schlie\u00dfen, vor der sich Idioten pr\u00fcgelten.<br \/>\nDie Beamten sahen also die Schei\u00dfe, r\u00fcmpften die Nasen und r\u00e4umten dennoch auf. Auch ein Krankenwagen fuhr vor. Die Sanit\u00e4ter sammelten als erstes die betrunkene Frau ein, kontrollierten Puls und Kreislauf, erkannten schnell, dass sie nur schlief im Vollrausch, schoben sie dennoch in ihren Wagen, um sie zum Beobachten mitzunehmen. Die vier Schl\u00e4ger waren derweil von den Beamten auseinandergestellt worden und hatten Kotze an den Klamotten und blutige Nasen. Bei einem lief da so viel So\u00dfe raus, dass ein zweiter Sanit\u00e4tswagen anr\u00fccken musste. W\u00e4hrend dessen nahmen die Beamten die Personalien auf. Dabei wurden sie vom Gr\u00f6len und Johlen auf beiden Terrasse unterhalten, bis es ihnen reichte. Sie riefen noch zwei Streifenwagen und als die auftauchten, war Ruhe und die Zust\u00e4ndigkeiten konnten ihre Arbeit erledigen.<br \/>\nUnd unser Butze hatte das alles gesehen und sp\u00fcrte, dass dieser Abend, diese Nacht eine entscheidende seines Lebens geworden war, und wollte darauf noch einen trinken. Er stand auf und ging in den OLYMP. Da sah er etwas, was ihm schlagartig bewusst machte, warum dieser Abend, diese Nacht, dieser Tag so bedeutsam f\u00fcr ihn war. Und was heute tats\u00e4chlich anders war als sonst.<br \/>\nEr kam in die Bar und sah, wie ein junger Kerl, vielleicht Ende 20, seinen Schwanz ausgepackt und auf den Tisch vor die Nasen der drei jungen Weiber an seinem Tisch gelegt hatte.<br \/>\nJetzt war unserem alten Paraver, unserem Bernd Uhlig, pl\u00f6tzlich alles klar. So konnte das nicht weitergehen. Und er sagte sich: Ich bin zu alt f\u00fcr diese Schei\u00dfe.<br \/>\nEr stand da, blickte sich um und sagte zu allen, die noch da waren und egal, ob sie ihn h\u00f6rten oder nicht, oder ob sie ihn h\u00f6ren wollten oder nicht. Er sagte zu allen, auf hohem Deutsch: \u201eTsch\u00fcss! Ihr alten Paraver! So jung wie heute kommen wir nie wieder zusammen. Und jetzt leckt mich alle mal am Arsch! Basta. Ende. Schnauze.\u201c<br \/>\nDenn die Sache mit dem \u00dcberfall einer Sparkasse hatte pl\u00f6tzlich eindeutige Formen angenommen. Er wusste, als habe er schon seit drei Wochen dar\u00fcber nachgedacht, seit er das erste Mal davon gesprochen hatte zum Kumpel Klaus, was er tun musste. Und er wusste mit aller inneren \u00dcberzeugung, warum er das tun musste.<br \/>\nDoch ein Problem war noch. Eine Knarre musste her. Eine Uzi nat\u00fcrlich, weil die so praktisch war, so klein, wie ein Spielzeug, und in seinen Baumwollbeutel passte, in so einen wie aus jedem Supermarkt, kennen wir doch.<br \/>\nAber woher die bekommen? Keine wirkliche Frage. Von seinem Kumpel, der immer was in seinem Regal zu liegen hatte. Dem alten Pankow-Bullen Chronos. Der personifizierten Zeit. Denn der Typ hat einen Klumpfu\u00df an Erfahrung an seinem Leib und ebenso schwer auf seinem Buckel. Und einen gro\u00dfen Teil davon hat er mit unserm Butze erlebt. Das schwei\u00dft zusammen. Da ist was gewachsen zwischen beiden, was zusammengeh\u00f6rt. Und dass unser alter Paraver immer die Klappe gehalten hatte, wenn er den Zust\u00e4ndigkeiten des Gesetzes die Namen seiner Kumpane verraten sollte, hat die Bande zwischen beiden umso fester geschmiedet.<br \/>\nAlso hatte sich Butze vor dem OLYMP den Klaus geschnappt, war aufgesessen und zu seinem Freund geradelt, zu Wolfgang Schulze (Name ist nat\u00fcrlich ge\u00e4ndert). Und obwohl es schon so sp\u00e4t oder eben schon so fr\u00fch in der Nacht war, konnte der nicht anders, wie er uns auf Anfrage best\u00e4tigen musste, als dem Butze die T\u00fcr zu \u00f6ffnen und ihm zu geben, was der wollte. Hier seine Antwort auf unsere Frage, ob das mit dem Butze und der Uzi klar ging:<\/p>\n<p><i>Ja, der Butze, ja, der is da bei mir uffjetaucht un hat jefracht, ob icke wat f\u00fcr ihn habe. Watten, hab icke den jefracht. Na, wat wohl, hat der jesacht, ne Uzi nat\u00fcrlich. Un die hab icke och f\u00fcr ihn jehabt. Ick kenn den doch schon seit Jahren. Immer, wenn der im Knast is, denn is bei mir och so wat von unjem\u00fctlich im Koppe. Nich, weil icke den gernhabe, nee, daf\u00fcr reiche icke mir aus. Aber es k\u00f6nnte ja sein, det mir ma die Bulln die T\u00fcre von meene Bude uffmachen un mir mitnehm, weil eener meener Kunden da nich die Fresse halten konnte, da vor dem Jericht oder im Knast. Nee, der Butze hat sowat nie jemacht, nee, der nich, aber du wee\u00dft ja, det irjendwann jede Ma det erste Ma is \u2026  un wenn eener im Alter nich mehr so loofen kann, wie er det will, denn is det janze noch beschissner, da kann eener n\u00e4mlich nich mehr abhaun vor die Bulln, und vor die verfluchten Weeber och nich mehr, ja, da wee\u00df eener, dasset bald am Ende is det Leben, meene icke. Ja, wenn de nich mehr loofen kannst, dann is det janz sch\u00f6n beschissen mit det schei\u00df Leben. Da haste dir Jahrzehnte uff den Buckel jelebt un nu kriegste die nich mehr runter. Im Gejenteil. Die dr\u00fccken dir mit Jewalt die Stirn uffn Boden, damit du deene Nase da unten in Hundeschei\u00dfe stecken musst. So is dette. Da tun dir alle Knochen weh. Un nich nur die. Det Jehirne och noch. Hast \u00fcber Jahrzehnte jedacht, dassde wat jedacht hast, wie det Leben sein soll odar nich odar wie es is odar nich is un denn isset doch janz anders un nur noch Hundeschei\u00dfe. Un nu, wo de fast 70 bist, da zeicht dir det Leben, wasset von dir h\u00e4lt. N\u00e4mlich jarnischt. Es kotzt dir aus un spuckt dir off de Erde, damit de deine Nase durch Hundeschei\u00dfe ziehen musst. So is dette. Und et schei\u00df Koks, watte hier nu zu koofen kriegst, is och nich viel besser. Un von die Weiber wolln wir jar nich erst anfangen. Da kannste gleich mit uffh\u00f6rn, du, det eene sag ich dir daf\u00fcr. Die kannste alle durch de Spree ziehen un hinterher sehn die alle gleich aus, egal ob se d\u00fcnn odar normal odar dick sin \u2013 durch det Wasser un alle zeigen, dasse alle gleich sind. Hab icke doch erlebt. Da haste mal eene, wo de denkst, Mensch, Alter, denkste dir, det is ja een verdammt geilet Luder. Det hattet faustdicke hintar die Ohrn un zwischen die Schenkel un so ganz tief drinne och noch. Und wat f\u00fcr Ohrn da als Busen och noch, nee, Alter. Da kann dir nischt passiern. Un du jibst allet. Du jibst eenfach allet. Un du jibst nich nur eenfach allet, sondern eenfach allte, watte hast. Ob es deine Kohle is odar deine Arbeit odar deine Kraft odar dein Saft odar dein bescheuerdet Herze oder eben dein letztet Hemde. Allet jibste der Olln, nur damitte nich alleene bist un och ma in se rinmachen kannst. Un die Titten anfassen, Alter, ick liebe Titten. Un det se dir ma een bl\u00e4st, Alter, ick liebe, wenn mir eene een bl\u00e4st, Alter. Abar wat kriegste daf\u00fcr? Na ja, du wee\u00dft dette ja. Du warst ja och ma verheiratet. Da kriegste eenfach nischt wieder \u2026 nur ne kalte Schulter un kalte Ochen un kalte Lippen und et wars dann, weil du n\u00fcscht mehr hast, weil die Olle allet von dir hat \u2026 nee, halt, dette stimmt nich. Da kriegste ne Ohrfeige un nen Tritt innen Arsch unn wirst off de stra\u00dfe jeschmissen un kannst mit die Nase durch die Hundesei\u00dfe ziehn und det wars dann, weil de ihr allet jegehm hast un eben selber nischt mehr hast. So is dette mit dem Leben un mit die Frauen. Weil die Weiber ja det Leben sin. Also is dette det selbe. Weiber un Leben. Un nu? Wat mach icke nu? Lebe zwar noch, aber ohne een Weib. Abar, Alter, leb icke da noch odar nich mehr? Ick wee\u00dfet det nich. Ick wache morjens uff un qu\u00e4le mir ausm Bette wie eene olle Schildkr\u00f6te \u00fcbern Sand, wennse ihre Eier verbuddelt hat, un mach mir nen starken Schwarzen un nehm eene Berliner Luft dazu un \u00fcberlege, ob icke schon wach bin oder mir nur tr\u00e4ume. Dann wirkt der Schnaps un erst dann kann icke sagen \u2013 jo, jeze, alter Sack, jeze biste wach, un nu? Wat soll ick nu machen? Na, Alter, da nehm ick mir meinen Tabak un dreh mir een paar von die Dinger un glotz dabei inne Glotze un seh mir die Magazine da an. Nee, Keule, nich sone Magazine zum Wegschleudern, ick meine die inne Glotze, die da am Vormittag immer komm, damit ick wee\u00df, wat inne Welt so l\u00e4uft. Un zum Mittag geh ick immer innen Sp\u00e4ti un nehme mir mein Bier unnen Kr\u00e4uter un mache erst ma Mittach. So is dette. Un wenn icke nich mehr kann, so offn Mitten am Nachmittag, da geh icke heim un ess zwee oder drei Stulln un pack mir ins Bette un glotze noch, bis meene Ochen zufalln. Det is mein Leben heute, so eenfach is dette. Un keene Weiber mehr. Da bin ick aus dem Alter da raus \u2026 hast jedacht, dass icke \u00fcber meen Jesch\u00e4ft plaudere, wat? Nee, da kannste warten, biste tot bist \u2026 aber dit mit dem Leben war nat\u00fcrlich ma anders. Da war ick ma richtich im Leben drinne un hatte nen Laden un och mit die Weiber hattet da noch funktioniert. So eine zu haben, meine ick, un och im Bette, dit mein icke och. Da hattet allet noch funktioniert. Wee\u00df doch jeder. Haste wat, biste wat. Haste nischt, biste nich ma Hundeschei\u00dfe uff de Stra\u00dfe wert. Na ja, es gibt da schonne een paar Kollegen, die sin ja sowat wie Freunde. Da geh\u00f6rt der Butze da och mit zu. Den kenn ick ja schonne, da warn wir noch zwee kleene Piepel, da haben wir noch unsern Popel jefressen un unsere F\u00fcrze anjez\u00fcndet. Abar \u00fcber meine andern Jesch\u00e4fte rede icke nich. Det kannste varjessen. Icke will nich innen Knast. Aber beim Butze, wenn der den Kanal voll hat, da isser ja immer so redselich un da kann ick den nich vertragen. Aber weil ick den kenne, wenner n\u00fcchtern is, also fast n\u00fcchtern wieder, da konnte ick dem das ja nich abschlagen, dem seine Bitte. Du wee\u00dft doch. Wo du dein Buch da dr\u00fcber pinselst. Da hab icke dem die Uzi besorgt und halte meene Fresse \u2026 abar jut, ick soll ja nich so ville palavern. Du willst det ja allet noch schreiben hier in deim buch. Och! Mann, Alter, wenn meen Been nich so schmerzen t\u00e4te. Denn w\u00e4r det Leben ja noch so lebenswert. Aber mit die ollen Klunker da unten dran, da tut det lofen weh, als h\u00e4tt icke tachelang nich mehr jeschissen un hocke uffn Klo un dr\u00fccke, det mir die Ochen rauskullern, weil da een Pfropfen drinne is, Alter, det tut richtich weh. Det schei\u00df Leben mit die olln Knochen, meene icke, wennde alt bist, eben. Is wie Hundeschei\u00dfe, wennde nich mehr richtich krauchen kannst un nur noch alle paar Wochen eenen hochkriegst. Da liegste nur noch da un stinkst so vor dich hin in deene alten Langeweile. Un die einzigen Lebewesen, die dich besuchen, sin die Fliegen \u2026 aber, danke, Alter, dassde mir zujeh\u00f6rt hast. Un jeze geh wieder den andern da uffn Senkel mit dem Jeschmiere da von dir un lass den Butze endlich seine Bank \u00fcberfalln &#8230;<\/i><\/p>\n<p>Und das machen wir jetzt auch. Wir gehen zur\u00fcck zu jenem Punkt, an dem der Kleinkriminelle Bernd Uhlig, unser Butze, an diesem herrlichen Sommertag des Jahres 2019 in Berlin Pankow, genauer in der Heynstra\u00dfe, seine Uzi geschnappt hat, nachdem er sich gewaschen und geb\u00fcgelt und geschniegelt hat, ohne was zu saufen, denn er wollte ja auf Arbeit und da gibt es nur Profiqualit\u00e4t ohne Bier und andere Alkoholika. Er hat sich also das kleine Gewehr geschnappt, eingepackt und ist losmarschiert zur Prenzlauer Allee Ecke Danziger Stra\u00dfe. Den Klaus hat er dem Klaus zuhause gelassen. Das Fahrrad braucht er nicht f\u00fcr seinen \u00dcberfall, weil er ja nicht zur\u00fcck in die Wohnung will. Er wird heute garantiert woanders schlafen und das kostenlos und da muss er dem Klaus sein Fahrrad hierlassen, aus alter Freundschaft. Versteht sich doch von selbst.<br \/>\nUnd auserw\u00e4hlt f\u00fcr seine strafrechtlich absolut verfolgungsw\u00fcrdige Straftat hat sich der Butze die Sparkasse im Herzen des Prenzlauer Bergs, weil er da als kleiner Piepel schon sein erstes Konto hatte. Denn wo alles beginnt, da soll auch alles enden.<\/p>\n<p>Mit dem ersten Werkzeug seines Plans also, im Leinenbeutel wohlgemerkt nebst einem vollen Magazin in der Hosentasche auf Reserve, in der einen Hand und dem zweiten, einem alten Kuhfu\u00df in der andern, steht er nun, noch vor dem Lunch des heutigen Tags, an der Prenzlauer Ecke Danziger vor der besagten Filiale der Berliner Sparkasse. Dabei ist er ganz unauff\u00e4llig angezogen, sieht wie ein normaler Handwerker aus, den beachtet sowieso niemand, und auf eine Maske hat er auch verzichtet, weil die nicht zum Plan geh\u00f6rt. Er will sich nicht verstecken. Er will zeigen, dass er kein Feigling ist. Und unser kleiner Dieb steht da und wirkt wie bestellt, aber nicht abgeholt. Er hebt die Stirn und blickt an der Fassade hoch bis ganz nach oben, als wolle er den lieben Gott um Beistand bitten. Von da allerdings rauscht ihm nur Stille entgegen, weshalb er seine Augen wieder herunternimmt und sich ans Herzlein fasst und seinen K\u00f6rper in den Laden schickt. Los, alter Paraver, denk an dein warmes Bett in Tegel und das Futter zur richtigen Zeit. Und kaum ist er drin, verkeilt der Bernd das alte schwere Brecheisen so zwischen den Griffen der Eingangst\u00fcr, dass niemand mehr sie \u00f6ffnen kann, zieht die Knarre aus dem Beutel, der leise zu Boden gleitet, ballert in die Luft und br\u00fcllt: \u201eDitte hier is een \u00dcberfall! Allet in die Ecke da, meene Br\u00fcder un Schwestern, awar tutti galoppi!\u201c<br \/>\nDie Anwesenden, so genannte Kunden und Angestellte, heben nat\u00fcrlich erschrocken die K\u00f6pfe und haben, von einer Sekunde auf die andere, derart viel Schiss in der Hose, dass sie sich erst mal lieber nicht mehr bewegen. Da hat man doch volles Verst\u00e4ndnis f\u00fcr. Wer rechnet schon damit, in seiner Bank, wo er mit schlechtem, gutem oder gar keinem Gewissen reingegangen ist wie immer, dass ihm dort ein durchgeknallter Spinner eine geladene Uzi vor die Birne h\u00e4lt und auch noch rumballert damit? Bernd Uhlig aber hat f\u00fcr diese, existenziell erschrockene Starre kein Mitleid und f\u00fchlt sich ver\u00e4ppelt. Wieso h\u00f6rt denn keener off mir? Die stehen da wie anjewurzelt und glotzen mir nur bl\u00f6de an! Lachen die mir aus, oder wat? Euch werd ick mal wat zeijen! Und wieder ballert er in die Luft und br\u00fcllt: \u201eHabt ihr dit Ohropax zu tief jezogen, odar wat! Hinsetzen, hab icke jesacht! Auf eure volljeschissnen \u00c4rsche! Awar flotti paletti!\u201c<br \/>\nJetzt haben wirklich alle realisiert, dass sie in einem dicken Schinken stecken, der kurz vorm R\u00e4uchern ist. Ihnen ist der Deckenbeton in Splittern um die Nasen geflogen und da hat auch der letzte, der nur seine Kohle wollte, gesp\u00fcrt, dass hier echte blaue Bohnen durch die Luft fliegen. Aus tiefster Lebensfurcht, die ja verst\u00e4ndlich ist in so einem Moment, rotten sich die Menschen schnell zu einem Haufen voller Sicherheitsbed\u00fcrfnis zusammen und setzen sich in<br \/>\neiner Ecke, die der Bernd ihnen mit der handlichen Flinte zeigt, auf ihre vier Buchstaben. Und bei der Angst, die jede Geisel hat, w\u00fcrde niemand die Nase r\u00fcmpfen, wenn es in ihrer Mitte beg\u00e4nne, nach frischem Urin zu duften. Oder nach noch mehr F\u00e4kalit\u00e4t. Daf\u00fcr h\u00e4tte dieses Mal auch der Bernd echtes Mitgef\u00fchl. Der kennt das ja zur Gen\u00fcge.<br \/>\nDoch welcher Idiot \u00fcberf\u00e4llt an einem so sch\u00f6nen Sommertag eine moderne Filiale der Berliner Sparkasse an der Prenzlauer Allee Ecke Danziger Stra\u00dfe, ballert um sich rum und steht dann nur da und tut nichts? Worauf wartet der? Will der nicht mal langsam anfangen mit dem Bankr\u00e4ubern?<br \/>\nUnser Butze aber wei\u00df genau, worauf er wartet. Auf die Maschine, die schon in Gang gesetzt ist. Ein Angestellter hat n\u00e4mlich den stillen Alarmknopf gedr\u00fcckt. Das hat der Bernd gesehen und so gewollt. Er geht weder verkrampft noch zu locker vor den \u00e4ngstlichen Menschen auf und ab und h\u00e4lt die Uzi hoch. Doch mehr macht er nicht. Und mehr sagt er auch nicht. Nur ab und an wirft er einen Blick durch das Schaufenster auf die Stra\u00dfe.<br \/>\nEine sehr bewegte Kreuzung ist das. Autos st\u00fcrmen mal laut, mal leise, mal radikal, mal verschmust \u00fcber den Asphalt, bis das rote Licht der Ampeln sie zum Halten zwingt und die Querl\u00e4ufer beginnen, es ihren Vorg\u00e4ngern nachzumachen, jeder in die Richtung, in die er nun mal gelenkt wird. Und das kann jeder noch, innerhalb der Vorgaben der Lichtsignalanlage, weil da noch nichts gesperrt ist. Dazu schiebt sich auch eine Stra\u00dfenbahn gelb und schwarz und schwer beladen vorbei. Ihr Quietschen deutet an, dass sie in der Kurve liegt. Alles scheint wie immer, au\u00dfer, dass keiner mehr in die Sparkasse kommt. Der Trick mit dem alten Kuhfu\u00df h\u00e4lt und Bernd sieht einige, die vielleicht gern, vielleicht auch eher ungern hier reinwollen, dann aber mit erst ungl\u00e4ubigen, kurz darauf mit \u00fcberraschten, dann angstvollen Blicken und wehenden Armen wieder davonst\u00fcrmen.<br \/>\n\u201e\u00dcberfall! \u00dcberfall!\u201c br\u00fcllen sie in die Welt hinaus als Mitteilung, obwohl es eine Weile dauert, bis die Welt es ihnen abnimmt. Und pl\u00f6tzlich, man glaubt es kaum, huscht \u00fcber das runde glatte altt\u00e4towierte Paravergesicht des Bernde Uhlig tats\u00e4chlich ein zufriedenes L\u00e4cheln. Der alte Butze sieht der Stra\u00dfe an, dass Stufe Zwei gez\u00fcndet hat.<br \/>\nWie ein Mensch es schafft, allein, wenn er in die Luft ballert, ein halbes Stadtviertel lahmzulegen, ist enorm und spannend anzusehen. Wie bei Ebbe das Wasser ziehen sich die bewegten Fahrzeuge und Menschen langsam zur\u00fcck. Der Verkehrsstrom d\u00fcnnt aus. Kein Auto f\u00e4hrt bald mehr an der Filiale dran vorbei, auch kein Rad wird mehr von seinem Besitzer vorbeibewegt. Die Stra\u00dfenbahnfahrer fluchen schon auf den bl\u00f6den Bankr\u00e4uber, der mit seinem Plan den ihren \u00fcber den Haufen wirft. Denn die Sperrungen durch die herbeigerufenen Insassen von so genannten Streifenwagen der Berliner Polizei greifen allm\u00e4hlich.<br \/>\nUnd die Menschen staunen erst \u2013 was ist denn los? Dann antworten sie \u2013 ein Bank\u00fcberfall, da vorne! Inne Sparkasse! Dann lachen sie \u2013 ach nee, da wird ein Film gedreht, mehr is da nich. Nein, nein, erfahren sie kurz darauf \u2013 da ist wirklich einer mit ner Knarre drin. Nun bleiben einige stehen und gaffen, andere fluchen, weil sich was in ihre normale Welt geschoben hat, was da nicht wirklich normalerweise hingeh\u00f6rt. Und die Dummen, wie gesagt, die jeden Dreck wegmachen m\u00fcssen, stehen schon dazwischen. Das sind die Beamten der Berliner Polizei, die alles regeln sollen. Die Neugier und den Frust. Ein toller Job. Nicht jeder w\u00fcrde den machen. Ganz sicher nicht jeder. Vor allem nicht heute, nicht hier, an der Kreuzung Prenzlauer Allee Ecke Danziger Stra\u00dfe, wo das Chaos seinen Weg ins neue Gleichgewicht sucht. Und bald, das l\u00e4sst sich nicht vermeiden, zieht es sich bis zum Alexanderplatz hinunter und r\u00fcber in Richtung Landsberger Allee und auf der andern Seite zur Bernauer Stra\u00dfe hin, und nach Norden reichen die genervten Stauwasser schon bis zur Ostseestra\u00dfe und Wisbyrer und bis hoch in die Prenzlauer Promenade hinein. Und so hat sich das Chaos aller Existenz in der Freiheit eines Menschen offenbart. Ein gewisser Bernd Uhlig, der fast mehr Lebensjahre im Knast als auf der Stra\u00dfe verbracht hat, schiebt sich in den Fokus einer Millionenenklave. Und das mit Absicht. Mit seinem freien Willen und allein durch wenige Sch\u00fcsse aus seinem Gewehr, das wie ein Spielzeug mutet, aber eine echte Uzi ist. Das ist tats\u00e4chlich unglaublich. Und ber\u00fchmt ist er auch schon. Von der Polizei sind die orts\u00fcblichen Radiosender \u00fcber die Bildung der Staud\u00e4mme informiert und die senden schon \u00fcber unsern alten Paraver und seine Tat, was die Sendemaschinen so hergeben. Der Verkehr muss ja umgeleitet werden wegen der polizeilichen Ma\u00dfnahmen auf Grund eines schwerverbrecherischen Vorfalls im Herzen des Prenzlauer Bergs. Bitte gro\u00dfr\u00e4umig umfahren. Und dieser eine Mann, der Uhlig, der Verbrecher, der steht gelassen in der Filiale und grinst.<br \/>\nIck bin ein Sieger, gratuliert sich der kleine Gauner. Mama, ick jewinne.<\/p>\n<p>30 Minuten sp\u00e4ter. Drau\u00dfen ist alles okay. Das spezielle Einsatzkommando der Berliner Sicherheitsorgane ist in Stellung. Alle Fluchtwege sind durch die Kollegen dichte gemacht worden; durch Gaffer und Blechgeh\u00e4use sind die das sowieso schon gewesen. Und die D\u00e4cher werden von Scharfsch\u00fctzen bewacht. Was hat der Typ da drin denn vor? Der muss ja irre sein. Der kommt doch nie wieder raus aus dem Loch. Den schie\u00dfen wir zusammen wie auf dem Rummel die bl\u00f6den Plasteblumen. Diese Worte gehen Polizeihauptkommissar H\u00fcbner durch den schwei\u00dfnassen Sch\u00e4del. Er hat die Einsatzleitung \u00fcbernommen und sich hinter einem Streifenwagen verschanzt. Der erfahrene PHK der Berliner Polizei ist ein Mann um die 50, und der gesteigerte Frust \u00fcber die stetig wachsende Zahl von Vorschriften, die es erschweren, auf einen solchen Vorfall einfach mit aller Feuerkraft zu reagieren, zeigt sich eindeutig im gesteigerten Umfang seines Bauches. Anstatt mit diesen Kriminellen umzuspringen wie mit Hunden, die nicht h\u00f6ren wollen, m\u00fcssen die Beamten immer mehr Samthandschuhe anziehen, um die Unbelehrbaren nicht zu verletzen, vor allem nicht an deren zarter Psyche. Und das Ende vom gefrusteten Lied der demokratischen Verbrecherjagd zeigt sich einerseits in diesem Bl\u00f6dmann, der einfach an eine scharfe Waffe kommt, um in einer Filiale der Berliner Sparkasse sowie dem gesamten Stadtbezirk f\u00fcr Unruhe zu sorgen, und andererseits zumindest bei H\u00fcbners K\u00f6rperf\u00fclle deutlich. Das blaue Uniformhemd spannt sich derart \u00fcber den Nabel hinweg, dass der Knopf dort droht, seinen Halt zu zerrei\u00dfen und im hohen Bogen davonzufliegen, w\u00fcrde der Mann es wagen, zu tief einzuatmen. Wei\u00df doch jeder Verhaltensforscher oder, auf Menschen bezogen, Psychologe. Lebewesen, deren gesunde Empfindungsschwelle f\u00fcr M\u00e4ngel und Entbehrungen \u00fcberschritten ist, fressen alles in sich hinein, was sie glauben, dass es ihnen fehlt. Ob es feste Nahrung ist oder psychische Kr\u00e4nkungen. Meistens eben beides zusammen. Kurz \u2013 wer viel Frust, der viel frisst. Unangenehme Folge davon beim PHK hier ist auch \u2013 der arme Mann ist v\u00f6llig durchn\u00e4sst. Nichts hasst er bei der Arbeit mehr als dieses verdammte Schwitzen. Das dauert bei ihm nicht lange, bis das Gewebewasser aus seinen Poren schie\u00dft. Bei diesen Au\u00dfentemperaturen reichen wenige Bewegungen aus. Hinzu kommt heute noch das gesteigerte Adrenalin in seinem Blut, an dem dieser Penner von Bankr\u00e4uber die Schuld tr\u00e4gt.<br \/>\nH\u00fcbner ist also absolut schlechter Laune. Er wischt sich mit einem Papiertaschentuch die Stirn trocken und nimmt die Fl\u00fcstert\u00fcte zur Hand, die ihm ein junger Polizeimeister hinh\u00e4lt. \u201eDa schei\u00df ich auf die Dienstvorschriften.\u201c H\u00fcbner spuckt aus und spricht eher mit sich selbst als mit dem jungen Streifenpolizisten an seiner Seite. \u201eAm liebsten w\u00fcrde ich den Laden st\u00fcrmen und den Kerl erledigen lassen. Aber ich darf ja nicht. Ich soll mit dem noch reden, ihn zur Vernunft bringen. Als ob er mit dem, was er da angestellt hat, irgendeine Art und Weise von Einsicht in die Bedeutung des Wortes Vernunft gezeigt h\u00e4tte. Dieser Idiot. Aber nein, ich soll noch seine liebe Mutti spielen. Verdammte Schei\u00dfe.\u201c<br \/>\nDer Polizeihauptkommissar hebt das Megaphon, schaltet es ein und stellt auf volle Kraft. \u201eHallo! Sie da! In der Sparkasse!\u201c, t\u00f6nt es \u00fcber die Stra\u00dfe. Und nach dem L\u00e4rm der Worte ist es pl\u00f6tzlich still. Nichts ist zu h\u00f6ren. Kein Laut. Kein Mensch gibt etwas von sich. Kein Motor brummt. Alle Augen der Umstehenden, ob nun Beamter oder Zivilist, sind auf H\u00fcbner gerichtet. Auch alle M\u00fcnder stehen offen. Seine Worte sind ein scharfes \u201eAchtung! Es geht los!\u201c gewesen in den Ohren der Anwesenden und haben vollkommene, rassig wahnsinnige Aufmerksamkeit gefordert. Bis auf jene eines kleinen waghalsigen Tieres, eines alten Spatzen. Der Vogel scheint taub und pfeift auf alles Schweigen, hockt in einer Linde am Stra\u00dfenrand und kann einfach nicht den Schnabel halten, als g\u00e4be es hier was zu feiern. Da l\u00e4utet das Handy des jungen Beamten neben H\u00fcbner. Der geht dran und reicht es sofort an seinen Vorgesetzten weiter. \u201eWer ist das?\u201c H\u00fcbner wundert sich. \u201eDie Leitstelle.\u201c Der junge Beamte blickt dienstbeflissen zum dicken Chef, also wie ein junger Hund, der um ein Leckerli bettelt. \u201eJa?\u201c H\u00fcbner hat das Handy am Ohr und verzieht kurz das Gesicht. \u201eAch nee, einen vollgetankten Wagen will er auch noch? Okay, dann stell mich mal durch zu dieser Pfeife!\u201c In der Filiale steht unser Butze vor seinen Geiseln und schwingt das Gewehr immer hin und her. Mit der freien Hand h\u00e4lt er ein Handy an sein Ohr und wird ernst, als er H\u00fcbners Stimme h\u00f6rt, richtig ernst. Das muss er ja sein. Er muss ja so tun, als sei das hier kein Spa\u00df. Das ist sein Plan. \u201eJenau!\u201c, zischt er in das Ger\u00e4t. \u201eIcke bins, H\u00fcbner, der jute Uhlich. Ick will een Fluchtfahrzeuch un nen Hubschrauber im Th\u00e4lmannpark. Jenau, meen Gro\u00dfer, so is ditte mit die Sachlage hier. Un bei dir, meen Dicker? Noch allet fit im Schritt?\u201c Uhlig schielt zu seinen Geiseln und zwinkert ihnen zu. Ja, ist das gut oder schlecht? So \u00e4hnlich denken die armen Gesch\u00f6pfe in ihrer Angst. Und \u2013 der ist doch vollkommen irre, total durchgeknallt im Kopf.<br \/>\nH\u00fcbner drau\u00dfen, nun v\u00f6llig durchschwitzt, hat in der einen Hand das warme Handy, das noch mit Bernds Ohr verbunden ist, st\u00fctzt sich mit der andern ab, setzt sich auf den Asphalt und lehnt sich gegen das Blech des Streifenwagens. \u201eDas darf nicht wahr sein\u201c, st\u00f6hnt er. \u201eDieser Idiot von Uhlig ist da drin.\u201c Der junge Beamte neben ihm blickt ungl\u00e4ubig. \u201eKeine Angst\u201c, beruhigt H\u00fcbner nicht nur ihn, sondern auch sich. \u201eDer ist harmlos. Der ist zwar strohdumm, aber harmlos. Na gut, mit so einer Knarre in der Hand, wer wei\u00df, vielleicht h\u00e4lt der sich ja wirklich f\u00fcr Clint Eastwood. Jetzt brauchen wir nur noch Starsky und Hutch.\u201c H\u00fcbner nimmt mit der freien Hand sein mobiles Funkger\u00e4t. \u201eAlle mal herh\u00f6ren, Leute! Da drinnen ist der Uhlig und ja, bevor alle lachen, der war bis vor kurzem noch in Tegel, ich wei\u00df, aber ich bin nicht der Arsch von Psychiater, der sich von diesem Kerl hat was vorspielen lassen, auf die Art \u2013 sieh mal Papa, mir geht es gut und ich bin kern gesund \u2013 damit er wieder auf uns losgelassen wird, ich bin das nicht gewesen, klar! Also, wir warten noch eine Weile, bis er ungeduldig wird, dann r\u00fccken wir ein oder vielleicht kommt er von selber raus, weil er uns ja nur veralbern will, also alles mit der Ruhe, Jungs. Und lasst die arme Sau am Leben. Der kann nichts daf\u00fcr, ehrlich. Der ist wirklich nur ein armer Schlucker.\u201c Doch H\u00fcbner hat bei seiner kurzen Ansprache nicht bedacht, dass Uhlig \u00fcber die noch nicht geschlossene Telefonverbindung mith\u00f6ren kann. Und der ist nicht belustigt \u00fcber das, was er geh\u00f6rt hat.<br \/>\nDie nehmen mir nich ernst. Dann werd ick mal. Ick kann och anders!<br \/>\nUnd der Butze ballert nochmal in die Luft und br\u00fcllt ins Fon: \u201eWenn icke in zehn Minuten keen Fahrzeuch habe, Altar, dann knall ick hier drinne den ersten Typen hier ab! Is dit in deine schmalzverklebten L\u00f6ffeln anjekomm!\u201c<br \/>\nH\u00fcbner dr\u00fcckt Uhlig weg und sch\u00fcttelt den Kopf. Selbst der unkl\u00fcgste Gauner hat heute kein Benehmen mehr. Keinen Respekt mehr vor der Polizei. Pl\u00f6tzlich aber verzieht sich sein dickes Gesicht wie durch einen starken Schmerz. \u201eOh nein.\u201c Seine Worte klingen so schwach, als bek\u00e4me er schlecht Luft. \u201eNicht die auch noch.\u201c Der junge Streifenpolizist macht sich ernsthaft Sorgen. \u201eWas haben Sie, lieber Herr Hauptkommissar? Ist Ihnen nicht gut?\u201c \u201eGeht schon, aber da kommt die Schwester von Dirty Harry.\u201c Mit der linken Hand, die zu zittern beginnt, zeigt H\u00fcbner in die Richtung, in die er seine Augen gerichtet hat. Und sein schmerzvoller Blick zeigt die Prenzlauer Allee hinunter, zwischen den Einsatzfahrzeugen und Staumobilen und dem Gaffervolk hindurch. Denn da kommt ein Mensch auf sie zu. Besser \u2013 eine Frau. Und was f\u00fcr eine. Vor der hauen nicht nur die M\u00fccken ab, wenn sie mit ihrer dunkelblonden M\u00e4hne durch den lauen Abendwind zieht, auch M\u00e4nner haben da Probleme. Und H\u00fcbner wei\u00df, welche nun auf ihn zukommen. Sie ist Mitte Drei\u00dfig und ein verdammt h\u00fcbsches Exemplar ihrer Art noch dazu. Schlank ist sie mit muskul\u00f6sen Schenkeln an langen Stelzen. Das kann jeder sehen bei den engen Jeans, die sie tr\u00e4gt. Da bleiben die Kerle dort kleben, wo diese Beine in den Glutei Maximi ihren Anfang und ihr Ende finden. Dar\u00fcber liegt eine wei\u00dfe Leinenbluse, die ziemlich weit aufgekn\u00f6pft ist, damit das, was Lust hat, auch Platz zum Schwingen besitzt. Mit ihrem weiten runden Gang sammelt sie alle Blick der M\u00e4nner auf und mancher Frau dazu, die angespannt und bildhaft erregt hier auf die Action warten. \u201eBitte, all ihr Polizeig\u00f6tter!\u201c betet H\u00fcbner f\u00f6rmlich. \u201eWomit habe ich das heute verdient? Was habe ich euch getan, dass ihr mir erst diesen bl\u00f6den Uhlig schickt kurz vor Feierabend \u2026 und jetzt noch dieses Weib? Warum ich?\u201c<br \/>\nDer unbedarfte Beamte neben ihm macht ein Gesicht, als wohne er gerade der Paarung zwischen einer Maus und einem Elefanten bei. Der kapiert hier nichts. \u201eSie kennen diese Frau noch nicht?\u201c H\u00fcbner wird fast v\u00e4terlich. \u201eDann h\u00f6ren sie mal den Funk ab.\u201c Auf dem herrscht pl\u00f6tzlich reger Sprachverkehr. Alle witzeln durcheinander und die ersten Scharfsch\u00fctzen packen schon ihre Sachen ein und sind froh, heute nicht mehr schie\u00dfen zu m\u00fcssen. Die andern Beamten schlie\u00dfen Wetten ab, wie lange es dauert, ehe die Amazone den Uhlig an dessen Ohren aus der Sparkasse zieht. Und alle reiben sich ihre Gesichter auch vor Freude auf ein Schauspiel, das ihnen nur von dieser Kollegin geboten wird. Daf\u00fcr liebt sie jeder Berliner Polizist. Na gut, die ganz da oben eher nicht.<br \/>\nDie Frau ist Kriminalkommissarin Derya Demir, eine der erfolgreichsten Beamtinnen im Berliner LKA 1, zust\u00e4ndig f\u00fcr Delikte am Menschen, zumindest was ihre Aufkl\u00e4rungsquote bei Straftaten betrifft. Ihre Gepflogenheiten dabei sind eher stets Anlass zu Vorladungen bei diversen zust\u00e4ndigen Staatsanw\u00e4lten und h\u00f6hergestellten Innensenatoren, vor allem auch, weil sie ihr Aufgabengebiet weiter fast, als es das LKA 1 eigentlich zu bearbeiten hat. Gelassen und selbstbewusst bleibt sie nun neben dem Streifenwagen, zu dessen Reifen und Schwellern PHK H\u00fcbner nach Atemluft ringt, stehen und blickt zur Sparkassenfiliale. Von Deckung h\u00e4lt sie nichts. Sie steht aufrecht. Sie will gesehen werden. \u201eWas gibt\u2019s, H\u00fcbner?\u201c<br \/>\n\u201eNichts.\u201c H\u00fcbner versucht mit leiser Stimme Gelassenheit zu heucheln. \u201eIch habe alles im Griff, meine Liebe. Du kannst ruhig wieder gehen. Warum bist du eigentlich hier? Gibt es keinen Mord oder so was f\u00fcr dich? Ich meine, das hier ist doch nicht dein Ding, oder?\u201c Und das letzte Wort des PHK ist reine Unsicherheit gew\u00fcrzt mit der Gewissheit, dass es so kommen wird, wie er es bereits ahnt. \u201eNoch nicht.\u201c Derya blickt sich um. \u201eUnd wer ist da drin?\u201c \u201eUhlig.\u201c Der junge Beamte neben H\u00fcbner ist zu voreilig. F\u00fcr die Bekanntgabe des Namens erntet er Blicke seines Vorgesetzten, die, wenn sie aus scharfen Messern best\u00fcnden, dem armen Jungen die Gesichtshaut zerschneiden w\u00fcrden. \u201eSo, so.\u201c Derya fasst sich ans Kinn. \u201eDer alte Butze. Ist ja interessant. Seit wann ist unser Fr\u00fchrentner denn wieder drau\u00dfen?\u201c Nun wirft sie ihre lockige dunkelblonde Haarpracht nach hinten, als posiere sie f\u00fcr eine Shampoowerbung. Oder so ein Haarlackspray auf die Art: \u201eBerlin. 15 Uhr. Prenzlauer Berg. Direkte Sonne. Bank\u00fcberfall. Die Frisur sitzt.\u201c<br \/>\n\u201eSeit ein paar Tagen.\u201c H\u00fcbner f\u00e4llt ern\u00fcchtert in sich zusammen. Er wei\u00df, dass die Sache hier f\u00fcr ihn gelaufen ist. Denn wo auch immer diese Demir auftaucht, nimmt sie die Z\u00fcgel in die Hand und gibt sie nicht mehr her, koste es das Staatss\u00e4ckel, was es wolle. Bei ihr z\u00e4hlt nur die Verhaftung, zu jedem Preis, au\u00dfer nat\u00fcrlich den T\u00e4ter zu t\u00f6ten. Dessen \u00dcberleben ist der Mittelpunkt all dessen, was Derya gerade durch den Kopf geht. Da ist es von Vorteil, ihn zu kennen. Obwohl man bei diesem Uhlig niemals wei\u00df, was er wirklich vorhat.<br \/>\nUnd auch unser Butze traut seinen Augen nicht. Das darf nich wahr sein?! Wat hab ick denn heute f\u00fcr ein Gl\u00fcck. Die G\u00f6tter meinen es gut mit mir.<br \/>\nDenn durch das Erscheinen dieser Frau hat sein Plan die letzte Wendung zum Erfolg genommen. Sie ist quasi seine Lebensversicherung, ach, seine Garantie, dass alles klappt, wie er es will. Erleichtert senkt er die Waffe. Die Geiseln k\u00f6nnen dieses Schauspiel naturgem\u00e4\u00df weder sich selbst noch dem jeweils Beteiligten neben sich erkl\u00e4ren. Sie sehen sich an und heben die Schultern. Was geht da ab? Was ist da los? Erst ballert er rum und nun? Er senkt das Gewehr? Was ist den das f\u00fcr ein banmkr\u00e4uber? Eine Schande f\u00fcr sein Gewerk.<br \/>\nUnd unser Bernd dreht sich um, als sei es von einem Drehbuchautor und Regisseur wie vorgeschrieben, mit dem K\u00f6rper zum gro\u00dfen Schaufenster dreht er sich, legt die Waffe vor seine F\u00fc\u00dfe, f\u00e4llt auf die Knie und hebt ergebenst die H\u00e4nde, als wolle er in religi\u00f6ser Demut erstarren. Die Geiseln sehen dem Treiben zu und blicken weiter ungl\u00e4ubig. Was hat das denn zu bedeuten?<br \/>\nDrau\u00dfen spuckt Derya in den Rinnstein, setzt sich in den Streifenwagen, an dem H\u00fcbner lehnt, der sich sofort von dem Auto zur\u00fcckzieht. Ein OPEL Zafira ist das, als Mitgliedsfahrzeug der Polizei mit Lack und Folie in Blau und Wei\u00df und Lichtsignalanlage auf dem Dach auch so bekannt gemacht, neueste Bauart, sicher erst ein halbes Jahr oder so im Dienstgebrauch. Nun aber steht er vor seiner bisher gr\u00f6\u00dften Bew\u00e4hrungsprobe, und vielleicht auch seiner letzten.<br \/>\nDerya startet den Motor, will den ersten Gang einlegen, sieht dann aber, dass der Wagen eine Automatik hat, tritt auf die Bremse, legt den Gang auf das gro\u00dfe D, zieht die Handbremse an, l\u00e4sst das Bremspedal los und tritt volle Kanne aufs Gaspedal und l\u00f6st ganz langsam die Handbremse und l\u00e4sst das Gummi der Reifen quietschen. Das beginnt zwar erst ganz zaghaft, weil der Diesel ja ne Weile braucht, um auf Touren zu kommen. Aber jeder Gaul will vor den Schmerzen fliehen, die ihm eine Peitsche schenkt, auch eine unterstarkmotorisierte Automobilmaschine Typ Opel Zafira Automatik Diesel will das. Dann l\u00e4sst die Frau die Bremse fliegen, gibt den Wagen v\u00f6llig frei, und als \u00f6ffne sich das Tor f\u00fcr einen Bullen unter ihr wie bei einem Rodeo springt der Diesel schmerzschreiend nach vorn, fegt eine Haube grauen Stra\u00dfendreck \u00fcber den PHK und seinen Adjutanten hinweg, hetzt auf das gro\u00dfe Schaufenster zu, hinter dem einerseits Uhlig noch immer kniet mit erhobenen, waffenfreien Armen, und die Geiseln nun entsetzt auf die Stra\u00dfe starren, was da auf sie zust\u00fcrzt in ungez\u00e4hmter Hatz.<br \/>\nUnd nach wenigen Sekunden und mit lautem Aufheulen schie\u00dft der OPEL durch die riesige Fensterfront. Sofort nach dem Durchprall tritt Derya voll auf die Kl\u00f6tzer. Der Wagen h\u00fcpft noch ein paar Mal rasch durch den Staub aus zerborstenem Stahl, Glas und Beton, und kommt kurz vor den freudetr\u00e4nenfeuchten Augen des Bernd Uhlig zum Halten.<br \/>\nH\u00fcbner drau\u00dfen hebt sich auf, blickt zur kleinen Katastrophe, sch\u00fcttelt den Dreck von sich ab, was eigentlich unm\u00f6glich ist, weil er ja so schwitzt und das Zeug an ihm klebt wie Schmei\u00dffliegen auf einem Kuhfladen, nimmt den jungen Beamten am Arm und l\u00e4sst sich zum Ort des Geschehens leiten. Seine Worte dabei sind einerseits voller Erleichterung, andererseits aber auch die blanke Resignation. \u201eWarum hat sie nicht einfach die T\u00fcr genommen. Warum ist sie nicht einfach hingegangen, hat den Uhlig angegrinst, hat ihn gebeten, den Kuhfu\u00df wegzunehmen und ihr die T\u00fcre zu \u00f6ffnen. Warum nicht? Verstehe einer die Frauen. Wenn es nach ihrem Willen gehen muss, dann sind sie taub, blind und stumm gegen jeden gut gemeinten Einwand. Und Sie, junger Mann, bleiben Sie an meiner Seite. Ich will jetzt nicht allein sein.\u201c<br \/>\nDer junge Streifenpolizist staunt Baukl\u00f6tzer. Er kann nicht fassen, was er da gesehen hat. \u201eWie ist die denn drauf?\u201c Andere Worte findet er im Augenblick nicht.<br \/>\n\u201eDie braucht mal einen richtigen Kerl\u201c, faucht H\u00fcbner. \u201eDa wo jedes Weib mal einen haben muss, ab und an. Aber sagen Sie das nie zu ihr. Sie w\u00fcrden dann das verlieren, was Sie zumindest per Geschlecht nach au\u00dfen hin zu einem Mann macht.\u201c<br \/>\n\u201eNa ja\u201c, erwidert der junge Uniformierte leise nach diesem Erlebnis. \u201eWer will das schon riskieren.\u201c<br \/>\nDrinnen kniet Uhlig vor dem Zafira wie ein Gl\u00e4ubiger vor einem Altar oder einer Gotteserscheinung oder so. Derya steigt aus, geht zu ihm, dr\u00fcckt seine Arme nach unten, legt sie auf seinen R\u00fccken und ihm Handschellen an. Dann hilft sie ihm aufzustehen. \u201eWas sollte das denn, mein Guter.\u201c Ihr Tonfall klingt tats\u00e4chlich voller Milde, ja fast m\u00fctterlich. Und Butze l\u00e4chelt gl\u00fccklich und hat noch ein paar Worte \u00fcbrig. Nicht viele, aber mit einem geduldigen, heiteren Klang. \u201eIcke bin ja so froh, dass`de jekommen bist, meene Gro\u00dfe. Der H\u00fcbner, ditte is doch een Idiot. Der h\u00e4tte mir doch fast noch abjeknallt. Was abar nich schl\u00fcmm jewesen w\u00e4re, wirklich nich. Nu abar kann ick noch een paar Tage atmen. Bring ma weg von diese Schei\u00dfe hier. Ick will weg aus Berlin. Ick will wieder nach Hause. Un zwar f\u00fcr \u00fcmmer.\u201c \u201eWar das so schrecklich unter uns hier drau\u00dfen?\u201c \u201eDit kannste dir nich im Koppe maln, die janze Kacke hier. Un eene Kiste Sterni am Tag reicht nich aus, um sich normal zu f\u00fchlen. Die zwitschern alle nur noch falsch un von die Kohle un saufen un ficken un zocken un ziehen un saufen weiter un pr\u00fcgeln sich un ziehen Kokas un hauen sich Pillen rein un Pappen un un un, nee. Ditte is n\u00fcscht f\u00fcr den alten Bernd, wat hier so abf\u00e4hrt. Da jeh ick ville lieber in meene Zelle zur\u00fcck. Zu meene Kumpels. Zu meene Freunde. Da is meen Zuhause. Da is meene F\u00e4m\u00e4lie. Also, f\u00fchle dir jeknutscht, meene Gro\u00dfe, un schick nen alten Mann zur\u00fcck in sein warmet sattet Homeoffieze.\u201c<br \/>\n\u201eDas ist es also, was du heute wirklich wolltest, nicht wahr?\u201c<br \/>\nUnd seht euch das mal an. Der Uhlig verdr\u00fcckt tats\u00e4chlich eine letzte Tr\u00e4ne und liebkost mit Worten die Kommissarin weiter. \u201eDu varstehst mar, S\u00fc\u00dfe. Ick liebe dir so dolle, ehrlich. Un wenn`de ma wat brauchst, Schatzi, denn wees`te ja, wo`de mir finden kannst.\u201c<br \/>\nDerya nickt leise. Und sie wei\u00df jetzt noch nicht, dass sie den alten Paraver wirklich nochmal braucht. Und zwar in wenigen Tagen schon. Aber das ist eine andere Episode in unserm Buch. Jetzt geleiten erst einmal zwei Blauhemden unseren alten Butzen aus der Baustelle, die einmal eine gut funktionierende Filiale der Berliner Sparkasse im Prenzlauer Berg gewesen ist. Die Geiseln sind schmutzverschmiert aufgestanden und werden ebenfalls von Polizeibeamten ins Freie gef\u00fchrt. H\u00fcbner tritt zu Derya und hinter ihm folgt der junge Beamte mit gesenktem Kopf. \u201eHelfen Sie den Kollegen da mal\u201c, sagt H\u00fcbner zu ihm und der Streifenpolizist trollt sich rasch.<br \/>\n\u201eWar das n\u00f6tig?\u201c H\u00fcbner steht hilflos neben Derya und wei\u00df ja auch, dass er nichts mehr \u00e4ndern kann. \u201eBlo\u00df gut, dass ich nicht dein Chef bin.\u201c<br \/>\nDerya l\u00e4chelt. Und das macht sie auf eine Art, dass H\u00fcbner ihr alles verzeiht. Sie hat dabei einen Ausdruck im Gesicht, als sei sie ein M\u00e4dchen von zehn Jahren, das ihren Vater um eine Kugel Eis bittet in einem Ma\u00dfe und mit traurigen Kulleraugen, dass es unbedingt diese Kugel saftigen Eises zum \u00dcberleben brauche. Der braune Teint ihrer Wangen und die dunklen Augen unter ihrer L\u00f6wenm\u00e4hne dazu \u00fcber dem belustigten, liebevollen L\u00e4cheln der prallen, schwachrosa farbenen Lippen \u2013 welcher Mann kann da schon nein sagen? Und ein Vater erst recht nicht.<br \/>\nH\u00fcbner blickt auf seine Armbanduhr. \u201eFeierabend.\u201c<br \/>\nDie beiden Berliner Beamten haken sich unter und bewegen sich \u00fcber die Tr\u00fcmmer hinaus auf die Prenzlauer Allee. Das w\u00e4re geschafft. Ein krimineller Zwischenfall im Alltag der Hauptstadt ist voller Bedachtsamkeit und Umsicht der beteiligten Beamten zu einem guten Ende gef\u00fchrt worden. Das bedeutet \u2013 k\u00f6rperliche Verletzungen sind nicht zu verzeichnen. Was aber noch viel wichtiger ist, dass es keine Toten zu beklagen gibt. Nur der Dreck muss noch wegger\u00e4umt werden. Doch daf\u00fcr sind die andern zust\u00e4ndig.<br \/>\nUnd als die beiden auf die Stra\u00dfe kommen, sticht ihnen die Sonne ins Gesicht. Eine staubige Wolke liegt noch in der Luft. Und fast schneller noch als von der sandigen Atmosph\u00e4re sind sie von Pressemenschen umringt. Einige Frauen und M\u00e4nner pirschen sich mit Filmaufnahmeger\u00e4ten und Mikrophonen in Deryas und H\u00fcbners N\u00e4he und bombardieren sie mit Fragen. Die beiden aber schieben sie zur Seite und l\u00e4cheln sie nur schweigsam an.<br \/>\n\u201eWarte kurz.\u201c Derya l\u00e4sst den H\u00fcbner los und geht zum Butze, der in einem wei\u00df gr\u00fcnen Zafira mit Lichtsignalanlage auf dem Dach schon auf dem R\u00fccksitz Platz genommen hat.<br \/>\n\u201eJetzt, mein Lieber, hast du deine Rente sicher.\u201c Derya l\u00e4chelt unsern alten Paraver an.<br \/>\n\u201eJenau, meene H\u00fcbsche. Absolut. Un det Begr\u00e4bnis och. Wat soll so een alter Kerl wie icke machen? Ohne J\u00f6ren. Ohne richtische F\u00e4m\u00e4lie. Ohne een Menschen, der von meenem Blute is? So sin meene Kumpels ausm Knast zumindest an meenem Grab, oder?\u201c<br \/>\nDerya l\u00e4chelt ihn an und geht zum H\u00fcbner zur\u00fcck.<br \/>\n\u201eWeeste wat, meen Dicker!\u201c Sie nimmt wieder den Arm des schwitzenden PHK. \u201eDa gibt es eine nette Kneipe in zwei Stra\u00dfenecken.\u201c Derya nickt kurz in die Richtung, in die sie gehen will. Die Prenzlauer Alle runter zur Mitte der Stadt. \u201e\u00dcBERECK hei\u00dft die und geht auch \u00fcber die Stra\u00dfenecke zur Christburger rein. Da kann man auch rauchen beim Trinken, also drinnen, meine ich, hier drau\u00dfen ist es mir zu hei\u00df. Dir nicht auch?\u201c \u201eKlar, und viel zu trocken. Det erste Glas jeht off mir.\u201c\u201c<br \/>\nDie Kommissarin l\u00e4chelt wohlwollend in H\u00fcbners feuchtes Gesicht und k\u00fcsst ihn ohne Scham auf die Wange. \u201eDen Papierkram erledigen wir morgen.\u201c \u201eUnd dann werden wir erledigt.\u201c \u201eAber vorher haben wir noch eine Verabredung.\u201c \u201eMit Onkel J\u00e4ck.\u201c \u201eMit wem denn sonst.\u201c Der PHK zieht ein breites Gesicht der Zufriedenheit \u00fcber sein rundes Speckgesicht. So hat die Angst wegen des Einsatzes in Verbindung mit dieser Frau noch etwas Gutes. Er w\u00fcrde einen angenehmen Abend haben, bevor der Dienststellenleiter ihn morgen auseinandernehmen w\u00fcrde.<br \/>\nUnd unser Bernd Uhlig? Unser alter Paraver? Wir fragen ihn: \u201eNa, Butze, war es das wert?\u201c<br \/>\nEr sitzt in einem Streifenwagen auf dem Weg zur Gefangenensammmelstelle, kurz GeSa genannt, und grinst uns an: \u201eNat\u00fcrlich, ihr alten Paraver. Jeze hab icke allet, wat ick brauche. Een Dach \u00fcberm Kopf. Wat zu Futtern. Un keene Idioten mehr jeden Tag um mir rum. Basta. Ende. Schnauze. Un \u2026 ach, leckt mir alle mal am Arsch. Wer nur lebt, wie er soll, der stirbt och nich, wie er will.\u201c<\/p>\n<p>Die angestauten Blechk\u00f6rper und Menschen um die Stelle der gef\u00e4hrlichen Straftat mit Geiselnahme im Prenzlauer Berg, genauer an der Ecke Prenzlauer Alle Danziger Stra\u00dfe herum, werden allerdings noch eine Weile brauchen, um sich in Ruhe trollen zu k\u00f6nnen, weil da einfach zu viele auf einem Haufen sind. Und das an einem so herrlichen lauen und warmen Sommerabend des Jahres 2019 in Berlin.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine Episode aus meinem neuen Roman Gelernt ist gelernt. An einem herrlich warmen Sommertag des Jahres 2019 gibt es einen Mann in Berlin, der anderen Menschen tats\u00e4chlich seinen Willen aufzwingen will. Und weil das nie wirklich einfach ist, hat sich dieser alte Kerl daf\u00fcr ein automatisches Gewehr besorgt. 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