Neue Texte

Zu meinem neuen Buch.

Das ist ein burlesker Politthriller mit mehr Spaß als Spannung, weil ich Spaß lieber habe als Verarsche.

Titel: Watergate in German – oder – Butze ist der King von Pankow

Geschichte (sehr kurz): Eine Bande aus Pankower Spätigästen schafft es, dass der korrupte Kanzler der BRD seinen Hut in Moabit abgeben muss.

1. Kapitel – Alles fängt irgendwie bedeutungslos an.

Das Glück ist mit dem Tüchtigen, wenn er tüchtig versucht, Glück zu haben.

An einem herrlich warmen Sommertag gibt es einen Mann in Berlin, der tatsächlich anderen Menschen seinen Willen aufzwingen will. Und weil das nie wirklich einfach ist, hat er sich dafür ein automatisches Gewehr besorgt. Das ist so ein kleines Ding bei ihm, das gerade in eine Hand reinpasst. Sieht wie ein Spielzeug aus, hat aber eine Durchschlagskraft, die will man nicht an sich selbst erleben. Und genau so wollte er die Knarre haben, damit er sie in seinem Stoffbeutel transportieren kann, in so einem wie aus dem Supermarkt, kennt jeder, für einen Euro, aus Baumwolle, natürlich. Unser Ganove ist kein Verschwender. Er hasst Plastik fast noch mehr als seine Mutter. Was schwer zu erreichen ist. Er hasst diese Frau, weil sie ihn überhaupt geboren hat.
Der Kleinkriminelle hat also das Gewehr geschnappt, eingepackt und ist losmarschiert zur Prenzlauer Allee Ecke Danziger Straße. Weit wollte er nicht gehen. Wer weiß, was einem auf dem Weg zu einem so genannten Geldinstitut alles passieren kann. Vor allem bei dem Verkehr heutzutage. Glaubt ja jeder hier, dass er der Stärkste ist. Da rammeln die Blechkarren gegen die Pedalritter und zurück. Dazwischen springen die Fußgänger hin und her, schütteln mit den Köpfen und kämpfen weiter darum, heile an Leib und Extremitäten nach Hause zu kommen. Bloß gut, dass Ampeln und Gesetze gemacht sind, damit die Menschen einigermaßen um die möglichen rechtlichen Folgen wissen, sollten sie der Meinung sein, dass diese Zügel nicht für sie gelten. Und es gibt ja immer welche, die auf alles pfeifen und denen ein anderes als das ihrige Leben völlig schnuppe ist.
Für Otto Uhlig, so heißt unser bewaffneter Ganove, ein halbbeglatzter Pykniker im Alter von Anfang 60, gehören Radfahrer zu dieser letzten Gruppe. Vor etwas mehr als einer Woche erst, es war ein Mittwoch, der Tag, als er nach ein paar Jahren wieder aus dem Knast gekommen ist, geriet er in eine Situation, die er noch nie zuvor erlebt hatte. Und der Otto hat schon einiges hinter sich, keine Frage, aber das von letzter Woche war der Hammer. Er sollte sich tatsächlich entschuldigen, auf dem Gehweg, das stelle sich einer vor, auf dem Gehweg einem Radfahrer nicht Platz gemacht zu haben.
„Aus dem Weg, du blöde Sau!“ hat der Kerl auf dem Zweirad gebrüllt. „Ich habe doch geklingelt!“
Frechheit, hat sich der Otto gedacht – ich habe doch geklingelt – wie hört sich das denn an! Da ist er sofort ab wie eine Rakete, um den Rowdy am Schlafittchen zu packen. Aber der Kerl hat noch nie so tief in die Pedale getreten wie in den folgenden Sekunden. Der ist schneller weg gewesen, als ein alter Knastbruder mit Hühneraugen rennen kann.
Doch das war noch nicht alles an Überraschungen an jenem Tag. Der Uhlig ist zu seiner Wohnung in die Jablonskistraße gegangen und hat sich den ganzen Weg lang die Augen gerieben – was sind denn das für Menschen hier? Was ist denn mit meinem Prenzlauer Berg los? Vor allem – in welcher Sprache reden die miteinander? Was ist das denn für ein Kauderwelsch? Verstehen die sich überhaupt? Und sein Haus erst! Das sah völlig anders aus. So völlig anders wie die Menschen auch. So hell. So glatt. So sauber. So bunt. So neu. So falsch irgendwie. So … teuer?
Unser Otto war bis letzten Mittwoch nämlich tatsächlich fast zehn Jahre lang zu Gast im Staatshotel Tegel gewesen. Und wie es in der Natur jeder Sache liegt, hat sich da gewaltig was verändert. Draußen mehr als in der Haftanstalt drin.
Und letzte Woche stand er also vor dem Haus, in dem er mal gewohnt hat, ist verblüfft und unsicher hineingegangen und, als er sich im Treppenhaus so fremd vorkam, auf die Straße wieder rausgeschlichen und hat sich keinen Gedanken zugetraut, weil er tatsächlich von ausfüllender Perplexität ergriffen gewesen war. Ihm hat es, sozusagen, die Sprache verschlagen. Und das heißt was, bei dem kleinen Kerl. Der ist eigentlich eine Quasselstrippe vorm Herrn, wenn er mal ein paar Bier intus hat. Doch immer wieder hat er letzte Woche stumm nach links und nach rechts und nach gegenüber und zu diesem fremden alten Haus zurück geblickt und hat es einfach nicht verarbeiten können, was hier vor ihm stand und ihm so absolut fremd vorkam – das war seine Straßennummer, da auf dem hässlich neuen weißen Schild. Das war sie tatsächlich. Und ihn befiel eine schlimme Ahnung. Er hatte ja im Knast keinen Brief geöffnet. Für ihn waren diese Umschläge was für die Papierindustrie und die Post. Damit verdienten die ihr Geld und hatten Arbeit. So war es gut für Otto. Allerdings hätte er den einen öffnen sollen, in dem ihm mitgeteilt wurde, dass er keinen mietzahlungsfälligen Wohnraum mehr besaß. Fristlose Kündigung aus ernstem, weil dauerhaft strafrechtlichem Grund. Obwohl er immer pünktlich die Miete gezahlt hat. Obdachlosigkeit gehört für Otto nicht zum Leben. Darauf hat er stets geachtet, auf ein gesichertes Dach über seinem Kopf, draußen oder drinnen, wie eine Frau auf Tampons, dass sie genug davon dabeihat, wenn sie die Dinger mal braucht.
Da hat der Uhlig also am letzten Mittwochnachmittag seinen Namen umsonst gesucht an den Briefkästen im Haus und sich den Rest in Gedanken zusammengeschustert.
Okay, hat er gedacht, hier gehör ick sowieso nich mehr hin, ihr alten Paraver.
Bei einem ehemaligen Kumpel, der sich auch als aktueller gleich entpuppt hat, ist er untergekommen. Hinter dem Wasserturm vom Prenzlauer Berg. Belforter Straße. Der Junge hatte sich in einem zweiten Hinterhof Parterre, in der dunkelsten bewohnbaren Ecke dieses Stadtbezirks überhaupt, verschanzt in einer kleinen Einraumwohnung ohne Küche, aber mit Dusche und Klosett, und hatte dort allen Widrigkeiten der Modernisierung erfolgreich getrotzt.
Natürlich hat er den Otto erkannt, als der vor seiner Tür stand, sofort eine Kiste Sternburg Bier Export unterm Bett hervorgeholt und den alten Butze zum Saufen eingeladen. Macht doch jeder. So ein kleines Fest zum Wiedersehen. Und Otto hat ganz fleißig ein paar Bier gekippt und ebenso fleißig auf die geldgeile Welt geschimpft.
„Dit sin doch allet Schweinehunde.“ Otto war auf Hundertachtzig und sprach schon recht feucht. „Uns unbescholtne Bürger schmeißen`se für jeden Fliegenschiss innen Bau, aba die räumen wirklich ab.“
„Jenau. Die stecken alle unter eener Decke.“
„Un zählen da ihre Scheine, wie wir, weest`e noch? Als kleene Piepels? Wie wa uns die Pornos da unter der Bettdecke anjekiekt hahm? So machen die ditte mit ihre Kohle offn Konto irjendwo zwischen die Seichellen un de Malediewen. Die sin alle gleich, allet korrupte Hosenscheißer. In een Sack damit un druff mitt`em Knüppel.“
„Jenau. Allet kleene Pornokieker.“
Aber da ist der Otto ganz nah an seinen Kumpel rangerutscht, weil ihm ein toller Gedanke gekommen ist.
„Ick verspresch dir, Keule, ick hol mir watt vom Kuchen, un dit noch die näschsten Tache.“
„Wie denn, Otto, willste det Tschobzenter inne Luft schießen?“
„Nee, meen Großer, ick mach da doch den armen Hartz-vier-Paravern nich ihren Arbeitgeber kaputt. Ick bin doch en Profi, Altar, ick überfall ne rischtische Geldquelle. Ick brauch nur ne Wumme, dann hol ick mir meene Wohnung zurück.“
So einfach ein Plan ist, so schnell kann einer den ausführen, weil er einfach ist. Alte Seilschaften neu geknüpft, die Kohle für die Knarre auf gelernte Art und Weise in einem Supermarkt abgefasst, vor den Bullen abgehauen, bei dem Waffenhändler keine Fragen beantwortet und Ort sowie Namen schnell wieder vergessen – das ist Ottos Plan gewesen, und der hat funktioniert.
Mit dem ersten Werkzeug seines Plans also, im Leinenbeutel wohlgemerkt nebst einem vollen Magazin in der Hosentasche auf Reserve, in der einen Hand und dem zweiten, einem alten Kuhfuß in der andern steht er nun, noch vor dem Lunch des heutigen Tags, an der Prenzlauer Ecke Danziger vor einer Filiale der Berliner Sparkasse. Dabei ist er ganz unauffällig angezogen, sieht wie ein normaler Handwerker aus, den beachtet sowieso niemand, und auf eine Maske hat er auch verzichtet, weil die nicht zum Plan gehört.
Und unser kleiner Dieb steht da und wirkt wie bestellt, aber nicht abgeholt. Er hebt die Stirn und blickt an der Fassade hoch bis ganz nach oben, als wolle er den lieben Gott um Beistand bitten. Von da allerdings rauscht ihm nur Stille entgegen, weshalb er seine Augen wieder herunternimmt und sich ans Herzlein fasst und seinen Körper in den Laden schickt. Los, alter Paraver, denk an dein warmes Bett und det Futter zur rischtischen Zeit.
Und kaum ist er drin, verkeilt der Otto das alte schwere Brecheisen so zwischen den Griffen der Eingangstür, dass niemand mehr sie öffnen kann, zieht die Knarre aus dem Beutel, der leise zu Boden gleitet, ballert in die Luft und brüllt:
„Ditte hier is een Überfall! Allet in die Ecke da, meene Brüder un Schwestern, awar Hopp Hopp!“
Die Anwesenden, so genannte Kunden und Angestellte, heben natürlich erschrocken die Köpfe und haben, von einer Sekunde auf die andere, derart viel Schiss in der Hose, dass sie sich erstmal lieber nicht mehr bewegen. Da hat man doch volles Verständnis für. Wer rechnet schon damit, in seiner Bank, wo er mit schlechtem, gutem oder gar keinem Gewissen reingegangen ist wie immer, dass ihm dort ein durchgeknallter Spinner eine geladene Uzi vor die Birne hält und auch noch rumballert damit?
Otto Uhlig aber hat für diese, existenziell erschrockene Starre kein Mitleid und fühlt sich veräppelt.
Wieso hört denn keener off mir? Die stehen da wie anjewurzelt und glotzen mir nur blöde an! Lachen die mir aus, oder wat? Euch werd ick mal wat zeijen!
Und wieder ballert er in die Luft und brüllt:
„Habt ihr dit Ohropax zu tief jezogen, odar wat! Hinsetzen, hab icke jesacht! Awar flotti paletti!“
Jetzt haben wirklich alle realisiert, dass sie in einem dicken Schinken stecken, der kurz vorm Räuchern ist. Ihnen ist der Deckenbeton in Splittern um die Nasen geflogen und da hat auch der letzte, der nur seine Kohle wollte, gespürt, dass hier echte blaue Bohnen durch die Luft fliegen. Aus tiefster Lebensfurcht, die ja verständlich ist in so einem Moment, rotten sich die Menschen schnell zu einem Haufen voller Sicherheitsbedürfnis zusammen und setzen sich in einer Ecke, die der Otto ihnen mit der handlichen Flinte zeigt, auf ihre vier Buchstaben. Und bei der Angst, die jede Geisel hat, würde niemand die Nase rümpfen, wenn es in ihrer Mitte begänne, nach frischem Urin zu duften. Dafür hätte dieses Mal auch der Otto echtes Mitgefühl. Der kennt das ja zur Genüge.
Doch welcher Idiot überfällt an einem so schönen Sommertag eine moderne Filiale der Berliner Sparkasse an der Prenzlauer Allee Ecke Danziger Straße, ballert um sich rum und steht dann nur da und tut nichts? Worauf wartet der? Will der nicht mal langsam anfangen mit dem Bankräubern?
Otto Uhlig weiß genau, worauf er wartet. Auf die Maschine, die schon in Gang gesetzt ist. Ein Angestellter hat den stillen Alarmknopf gedrückt. Das hat der Otto gesehen und so gewollt. Er geht weder verkrampft noch zu locker vor den ängstlichen Menschen auf und ab und hält die Uzi hoch. Doch mehr macht er nicht. Und mehr sagt er auch nicht. Nur ab und an wirft er einen Blick durch das Schaufenster auf die Straße.
Eine sehr bewegte Kreuzung ist das. Autos stürmen mal laut, mal leise, mal radikal, mal verschmust über den Asphalt, bis das rote Licht der Ampeln sie zum Halten zwingt und die Querläufer beginnen, es ihren Vorgängern nachzumachen, jeder in die Richtung, in die er nun mal gelenkt wird. Und das kann jeder noch, innerhalb der Vorgaben der Lichtsignalanlage, weil da noch nichts gesperrt ist. Dazu schiebt sich auch eine Straßenbahn gelb und schwarz und schwer beladen vorbei. Ihr Quietschen deutet an, dass sie in der Kurve liegt. Alles scheint wie immer, außer, dass keiner mehr in die Sparkasse kommt. Der Trick mit dem alten Kuhfuß hält und Otto sieht einige, die vielleicht gern, vielleicht auch eher ungern hier reinwollen, dann aber mit erst ungläubigen, kurz darauf mit überraschten, dann angstvollen Blicken und wehenden Armen wieder davonstürmen.
„Überfall! Überfall!“ brüllen sie in die Welt hinaus als Mitteilung, obwohl es eine Weile dauert, bis die Welt es ihnen abnimmt.
Und plötzlich, man glaubt es kaum, huscht über das runde glatte Uhliggesicht tatsächlich ein zufriedenes Lächeln. Der alte Butze sieht der Straße an, dass Stufe Zwei gezündet hat.
Wie ein Mensch es schafft, allein, wenn er in die Luft ballert, ein halbes Stadtviertel lahmzulegen, ist enorm und spannend anzusehen. Wie bei Ebbe das Wasser ziehen sich die bewegten Fahrzeuge und Menschen langsam zurück. Der Verkehrsstrom dünnt aus. Kein Auto fährt bald mehr an der Filiale dran vorbei, auch kein Rad wird mehr von seinem Besitzer vorbeibewegt. Die Straßenbahnfahrer fluchen schon auf den blöden Bankräuber, der mit seinem Plan den ihren über den Haufen wirft. Denn die Sperrungen durch die herbeigerufenen Insassen von so genannten Streifenwagen der Berliner Polizei greifen allmählich.
Und die Menschen staunen erst – was ist denn los? Dann antworten sie – ein Banküberfall, da vorne! Dann lachen sie – ach nee, da wird ein Film gedreht. Nein, nein, erfahren sie kurz darauf – da ist wirklich einer mit ner Knarre drin. Nun bleiben einige stehen und gaffen, andere fluchen, weil sich was in ihre normale Welt geschoben hat, was da nicht wirklich normalerweise hingehört. Und die Dummen, wie gesagt, die jeden Dreck wegmachen müssen, stehen schon dazwischen. Das sind die Beamten, die alles regeln sollen. Die Neugier und den Frust. Ein toller Job. Nicht jeder würde den machen. Ganz sicher nicht jeder. Vor allem nicht heute, nicht hier, an der Kreuzung Prenzlauer Allee Ecke Danziger Straße, wo das Chaos seinen Weg ins neue Gleichgewicht sucht. Und bald, das lässt sich nicht vermeiden, zieht es sich bis zum Alexanderplatz hinunter und rüber in Richtung Landsberger Allee und auf der andern Seite zur Bernauer Straße hin, und nach Norden reichen die genervten Stauwasser schon bis zur Ostseestraße und Wisbyrer und hoch in die Prenzlauer Promenade hinein.
Und so hat sich das Chaos aller Existenz in der Freiheit eines Menschen offenbart. Ein gewisser Otto Uhlig, der mehr Lebensjahre im Knast als auf der Straße verbracht hat, schiebt sich in den Fokus einer Millionenenklave. Und das mit Absicht. Mit seinem freien Willen und allein durch wenige Schüsse aus seinem Gewehr, das wie ein Spielzeug mutet. Das ist tatsächlich unglaublich. Und berühmt ist er auch schon. Von der Polizei sind die ortsüblichen Radiosender über die Bildung der Staudämme informiert und die senden schon über unsern alten Paraver und seine Tat, was die Sendemaschinen so hergeben. Der Verkehr muss ja umgeleitet werden wegen der polizeilichen Maßnahmen auf Grund eines schwerverbrecherischen Vorfalls im Herzen des Prenzlauer Bergs. Bitte großräumig umfahren.
Und dieser eine Mann, der Uhlig, der Verbrecher, der steht gelassen in der Filiale und grinst.
Ick bin ein Sieger, gratuliert sich der kleine Gauner. Mama, ick gewinne.

Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg, obwohl gerade den hier nicht jeder gehen würde.

30 Minuten später. Draußen ist alles okay. Das spezielle Einsatzkommando der Berliner Sicherheitsorgane ist in Stellung. Alle Fluchtwege sind durch die Kollegen dichte gemacht, durch Gaffer und Blechgehäuse sind die das sowieso schon gewesen. Und die Dächer werden von Scharfschützen bewacht.
Was hat der Typ da drin denn vor? Der muss ja irre sein. Der kommt doch nie wieder raus aus dem Loch. Den schießen wir zusammen wie auf dem Rummel die blöden Plasteblumen.
Diese Worte gehen Polizeihauptkommissar Hübner durch den schweißnassen Schädel. Er hat die Einsatzleitung übernommen und sich hinter einem Streifenwagen verschanzt. Der erfahrene PHK der Berliner Polizei ist ein Mann um die 50, und der gesteigerte Frust über die stetig wachsende Zahl von Vorschriften, die es erschweren, auf einen solchen Vorfall einfach mit aller Feuerkraft zu reagieren, zeigt sich eindeutig im gesteigerten Umfang seines Bauches. Anstatt mit diesen Kriminellen umzuspringen wie mit Hunden, die nicht hören wollen, müssen die Beamten immer mehr Samthandschuhe anziehen, um die Unbelehrbaren nicht zu verletzen, vor allem nicht an deren zarter Psyche. Und das Ende vom gefrusteten Lied der demokratischen Verbrecherjagd zeigt sich einerseits in diesem Blödmann, der einfach an eine scharfe Waffe kommt, um in einer Bankfiliale sowie dem gesamten Stadtbezirk für Unruhe zu sorgen, und andererseits zumindest bei Hübners Körperfülle deutlich. Das blaue Uniformhemd spannt sich derart über den Nabel hinweg, dass der Knopf dort droht, seinen Halt zu zerreißen und im hohen Bogen davonzufliegen, würde der Mann es wagen, zu tief einzuatmen. Weiß doch jeder Verhaltensforscher oder, auf Menschen bezogen, Psychologe. Lebewesen, deren gesunde Empfindungsschwelle für Mängel und Entbehrungen überschritten ist, fressen alles in sich hinein, was sie glauben, dass es ihnen fehlt. Ob es feste Nahrung ist oder psychische Kränkungen. Meistens eben beides zusammen. Kurz – wer viel Frust, der viel frisst.
Unangenehme Folge davon beim PHK hier ist auch – der arme Mann ist völlig durchnässt. Nichts hasst er bei der Arbeit mehr als dieses verdammte Schwitzen. Das dauert bei ihm nicht lange, bis das Gewebewasser aus seinen Poren schießt. Bei diesen Außentemperaturen reichen wenige Bewegungen aus. Hinzu kommt heute noch das gesteigerte Adrenalin in seinem Blut, an dem dieser Penner von Bankräuber die Schuld trägt.
Hübner ist also absolut schlechter Laune. Er wischt sich mit einem Papiertaschentuch die Stirn trocken und nimmt die Flüstertüte zur Hand, die ihm ein junger Polizeimeister hinhält.
„Da scheiß ich auf die Dienstvorschriften.“ Hübner spuckt aus und spricht eher mit sich selbst als mit dem jungen Streifenpolizisten an seiner Seite. „Am liebsten würde ich den Laden stürmen und den Kerl erledigen lassen. Aber ich darf ja nicht. Ich soll mit dem noch reden, ihn zur Vernunft bringen. Als ob er mit dem, was er da angestellt hat, irgendeine Art und Weise von Einsicht in die Bedeutung des Wortes Vernunft gezeigt hätte. Dieser Idiot. Aber nein, ich soll noch seine liebe Mutti spielen. Verdammte Scheiße.“
Der Polizeihauptkommissar hebt das Megaphon, schaltet es ein und stellt auf volle Kraft.
„Hallo! Sie da! In der Sparkasse!“ tönt es über die Straße. Und nach dem Lärm der Worte ist es plötzlich still. Nichts ist zu hören. Kein Laut. Kein Mensch gibt etwas von sich. Kein Motor brummt. Alle Augen der Umstehenden, ob nun Beamter oder Zivilist, sind auf Hübner gerichtet. Auch deren Münder stehen offen. Seine Worte sind ein scharfes „Achtung! Es geht los!“ gewesen in den Ohren der Anwesenden und haben vollkommene, rassig wahnsinnige Aufmerksamkeit gefordert. Bis auf jene eines kleinen waghalsigen Tieres, eines alten Spatzen. Der Vogel scheint taub und pfeift auf alles Schweigen, hockt in einer Linde am Straßenrand und kann einfach nicht den Schnabel halten, als gäbe es hier was zu feiern.
Da läutet das Handy des jungen Beamten neben Hübner. Der geht dran und reicht es sofort an seinen Vorgesetzten weiter.
„Wer ist das?“ Hübner wundert sich.
„Die Leitstelle.“ Der junge Beamte blickt dienstbeflissen zum dicken Chef, also wie ein junger Hund, der um ein Leckerli bettelt.
„Ja?“ Hübner hat das Handy am Ohr und verzieht kurz das Gesicht. „Ach nee, einen vollgetankten Wagen will er auch noch? Okay, dann stell mich mal durch zu dieser Pfeife!“
In der Filiale steht Otto Uhlig vor seinen Geiseln und schwingt das Gewehr immer hin und her. Mit der freien Hand hält er ein Handy an sein Ohr und wird ernst, als er Hübners Stimme hört, richtig ernst. Das muss er ja sein. Er muss ja so tun, als sei das hier kein Spaß. Das ist sein Plan.
„Jenau!“ zischt er in das Gerät. „Icke bins, Hübner, der jute Uhlich. Ick will een Fluchtfahrzeuch un nen Hubschrauber im Thälmannpark. Jenau, meen Großer, so is ditte mit die Sachlage hier. Un bei dir, meen Dicker? Noch allet fit im Schritt?“
Uhlig schielt zu seinen Geiseln und zwinkert ihnen zu.
Ja, ist das gut oder schlecht? So ähnlich denken die armen Geschöpfe in ihrer Angst. Und – der ist doch vollkommen irre, total durchgeknallt im Kopf.
Hübner draußen, nun völlig durchschwitzt, hat in der einen Hand das warme Handy, das noch mit Ottos Ohr verbunden ist, stützt sich mit der andern ab, setzt sich auf den Asphalt und lehnt sich gegen das Blech des Streifenwagens.
„Das darf nicht wahr sein.“ stöhnt er. „Dieser Idiot von Uhlig ist da drin.“
Der junge Beamte neben ihm blickt ungläubig.
„Keine Angst.“ beruhigt Hübner nicht nur ihn, sondern auch sich. „Der ist harmlos. Der ist zwar strohdumm, aber harmlos. Na gut, mit so einer Knarre in der Hand, wer weiß, vielleicht hält der sich ja wirklich für Clint Eastwood. Jetzt brauchen wir nur noch Starsky und Hutch.“
Hübner nimmt mit der freien Hand sein mobiles Funkgerät.
„Alle mal herhören, Leute! Da drinnen ist der Uhlig und ja, bevor alle lachen, der war bis letzte Woche noch in Tegel, ich weiß, aber ich bin nicht der Arsch von Psychiater, der sich von diesem Kerl hat was vorspielen lassen, auf die Art – sieh mal Papa, mir geht es gut und ich bin kern gesund – damit er wieder auf uns losgelassen wird, ich bin das nicht gewesen, klar! Also, wir warten noch eine Weile, bis er ungeduldig wird, dann rücken wir ein oder vielleicht kommt er von selber raus, weil er uns ja nur veralbern will, also alles mit der Ruhe, Jungs. Und lasst die arme Sau am Leben. Der kann nichts dafür, ehrlich. Der ist wirklich nur ein armer Schlucker.“
Doch Hübner hat bei seiner kurzen Ansprache nicht bedacht, dass Uhlig über die noch nicht geschlossene Telefonverbindung mithören kann. Und der ist nicht belustigt über das, was er gehört hat.
Die nehmen mir nich ernst. Dann werd ick mal. Ick kann och anders!
Und ballert nochmal in die Luft und brüllt ins Fon:
„Wenn icke in zehn Minuten keen Fahrzeuch habe, Altar, dann knall ick hier drinne den ersten Typen hier ab! Is dit in deine schmalzverklebten Löffeln anjekomm!“
Hübner drückt Uhlig weg und schüttelt den Kopf. Selbst der unklügste Gauner hat heute kein Benehmen mehr. Keinen Respekt.
Plötzlich aber verzieht sich sein dickes Gesicht wie durch einen starken Schmerz.
„Oh nein.“ Seine Worte klingen so schwach, als bekäme er schlecht Luft. „Nicht die auch noch.“
Der junge Streifenpolizist macht sich ernsthaft Sorgen.
„Was haben Sie, lieber Hauptkommissar? Ist Ihnen nicht gut?“
„Geht schon, aber da kommt die Schwester von Dirty Harry.“
Mit der linken Hand, die zu zittern beginnt, zeigt Hübner in die Richtung, in die er seine Augen gerichtet hat. Und sein schmerzvoller Blick zeigt die Prenzlauer Allee hinunter, zwischen den Einsatzfahrzeugen und Staumobilen und dem Gaffervolk hindurch. Denn da kommt ein Mensch auf sie zu. Besser – eine Frau. Und was für eine. Vor der hauen nicht nur die Mücken ab, wenn sie mit ihrer dunkelblonden Mähne durch den lauen Abendwind zieht, auch Männer haben da Probleme. Und Hübner weiß, welche nun auf ihn zukommen.
Sie ist Mitte Dreißig und ein verdammt hübsches Exemplar ihrer Art noch dazu. Schlank ist sie mit muskulösen Schenkeln an langen Stelzen. Das kann jeder sehen bei den engen Jeans, die sie trägt. Da bleiben die Kerle dort kleben, wo diese Beine in den Glutei Maximi ihren Anfang und ihr Ende finden. Darüber liegt eine weiße Leinenbluse, die ziemlich weit aufgeknöpft ist, damit das, was Lust hat, auch Platz zum Schwingen besitzt. Mit ihrem weiten runden Gang sammelt sie alle Blick der Männer auf und mancher Frau dazu, die angespannt und bildhaft erregt hier auf die Action warten.
„Bitte, all ihr Polizeigötter!“ betet Hübner förmlich. „Womit habe ich das heute verdient? Was habe ich euch getan, dass ihr mir erst diesen blöden Uhlig schickt kurz vor Feierabend … und jetzt noch dieses Weib? Warum ich?“
Der unbedarfte Beamte neben ihm macht ein Gesicht, als wohne er gerade der Paarung zwischen einer Maus und einem Elefanten bei. Der kapiert hier nichts.
„Sie kennen diese Frau noch nicht?“ Hübner wird fast väterlich. „Dann hören sie mal den Funk ab.“
Auf dem herrscht plötzlich reger Sprachverkehr. Alle witzeln durcheinander und die ersten Scharfschützen packen ihre Sachen und sind froh, heute nicht mehr schießen zu müssen. Die andern Beamten schließen Wetten ab, wie lange es dauert, ehe die Amazone den Uhlig an dessen Ohren aus der Sparkasse zieht. Und alle reiben sich ihre Gesichter auch vor Freude auf ein Schauspiel, das ihnen nur von dieser Kollegin geboten wird. Dafür liebt sie jeder Berliner Polizist. Na gut, die ganz da oben eher nicht.
Die Frau ist Kriminalkommissarin Derya Demir, eine der erfolgreichsten Beamtinnen im Berliner LKA 1, zuständig für Delikte am Menschen, zumindest was ihre Aufklärungsquote bei Straftaten betrifft. Ihre Gepflogenheiten dabei sind eher stets Anlass zu Vorladungen bei diversen zuständigen Staatsanwälten und höhergestellten Innensenatoren, vor allem auch, weil sie ihr Aufgabengebiet weiter fast, als es das LKA 1 eigentlich zu bearbeiten hat.
Gelassen und selbstbewusst bleibt sie nun neben dem Streifenwagen, zu dessen Reifen und Schwellern PHK Hübner nach Atemluft ringt, stehen und blickt zur Sparkassenfiliale. Von Deckung hält sie nichts. Sie steht aufrecht. Sie will gesehen werden.
„Was gibt’s, Hübner?“
„Nichts.“ Hübner versucht mit leiser Stimme Gelassenheit zu heucheln. „Ich habe alles im Griff, meine Liebe. Du kannst ruhig wieder gehen. Warum bist du eigentlich hier? Gibt es keinen Mord oder sowas für dich? Ich meine, das hier ist doch nicht dein Ding, oder?“
Und das letzte Wort des PHK ist reine Unsicherheit gewürzt mit der Gewissheit, dass es so kommen wird, wie er es bereits ahnt.
„Noch nicht.“ Derya blickt sich um. „Und wer ist da drin?“
„Uhlig.“ Der junge Beamte neben Hübner ist zu voreilig. Für die Bekanntgabe des Namens erntet er Blicke seines Vorgesetzten, die, wenn sie aus scharfen Messern bestünden, dem armen Jungen die Gesichtshaut zerschneiden würden.
„So, so.“ Derya fasst sich ans Kinn. „Der alte Butze. Ist ja interessant. Seit wann ist unser Frührentner denn wieder draußen?“ Nun wirft sie ihre lockige dunkelblonde Haarpracht nach hinten, als posiere sie für eine Shampoowerbung. Oder so ein Haarlackspray. Berlin. 15 Uhr. Banküberfall. Direkte Sonne. Die Frisur sitzt.
„Seit ein paar Tagen.“ Hübner fällt ernüchtert in sich zusammen. Er weiß, dass die Sache hier für ihn gelaufen ist. Denn wo auch immer diese Demir auftaucht, nimmt sie die Zügel in die Hand und gibt sie nicht mehr her, koste es das Staatssäckel, was es wolle. Bei ihr zählt nur die Verhaftung, zu jedem Preis, außer natürlich den Täter zu töten. Dessen Überleben ist der Mittelpunkt all dessen, was Derya gerade durch den Kopf geht. Da ist es von Vorteil, ihn zu kennen. Obwohl man bei diesem Kerl niemals weiß, was er wirklich vorhat.
Und auch der Geiselnehmer Otto Uhlig in der Sparkassenfiliale Prenzlauer Ecke Danziger traut seinen Augen nicht.
Das darf nich wahr sein?! Wat hab ick denn heute für ein Glück.
Die Götter meinen es gut mit ihm. Durch das Erscheinen dieser Frau hat sein Plan die letzte Wendung zum Erfolg genommen. Denn sie ist seine Lebensversicherung, ach, seine Garantie, dass alles klappt, wie er es will. Erleichtert senkt er die Waffe.
Die Geiseln können dieses Schauspiel naturgemäß weder sich selbst noch dem jeweils Beteiligten neben sich erklären. Sie sehen sich an und heben die Schultern. Was geht da ab? Was ist da los? Erst ballert er rum und nun? Er senkt das Gewehr?
Unser Otto dreht sich um, als sei es von einem Drehbuchautor und Regisseur wie vorgeschrieben, mit dem Körper zum großen Schaufenster dreht er sich, legt die Waffe vor seine Füße, fällt auf die Knie und hebt ergebenst die Hände, als wolle er in religiöser Demut erstarren. Die Geiseln sehen dem Treiben zu und blicken weiter ungläubig. Was hat das zu bedeuten? Spinnen wir oder ist der Typ nur eine Schande für das Gewerbe der Bankräuber?
Draußen spuckt Derya in den Rinnstein, setzt sich in den Streifenwagen, an dem Hübner lehnt, der sich sofort von dem Auto zurückzieht. Ein OPEL Zavira ist das, als Mitgliedsfahrzeug der Polizei mit Lack und Folie und Lichtsignalanlage auf dem Dach auch so bekannt gemacht, neueste Bauart, sicher erst ein halbes Jahr oder so im Dienstgebrauch. Nun aber steht er vor seiner bisher größten Bewährungsprobe, und vielleicht auch letzten.
Derya startet den Motor, legt den ersten Gang ein, zieht die Handbremse an, tritt aufs Pedal und lässt das Gummi der Reifen quietschen. Das beginnt zwar erst ganz zaghaft, weil der Diesel ja ne Weile braucht, um auf Touren zu kommen. Aber jeder Gaul will vor den Schmerzen fliehen, die ihm eine Peitsche schenkt, auch eine unterstarkmotorisierte Automobilmaschine will das. Dann lässt die Frau die Bremse fliegen, gibt die Kupplung völlig frei, und als öffne sich das Tor für einen Bullen unter ihr wie bei einem Rodeo springt der Wagen schmerzschreiend nach vorn, fegt eine Haube grauen Straßendreck über den PHK und seinen Adjutanten hinweg, hetzt auf das große Schaufenster zu, hinter dem einerseits Uhlig noch immer kniet mit erhobenen, waffenfreien Armen, und die Geiseln nun entsetzt auf die Straße starren, was da auf sie zustürzt in ungezähmter Hatz.
Nach wenigen Sekunden und mit lautem Aufheulen schießt der OPEL durch die riesige Fensterfront. Nach dem Durchprall tritt Derya voll auf die Klötzer. Der Wagen hüpft noch ein paar Mal rasch durch den Staub aus zerborstenem Stahl, Glas und Beton, und kommt kurz vor den freudetränenfeuchten Augen des Otto Uhlig zum Halten.
Hübner draußen hebt sich auf, blickt zur kleinen Katastrophe, schüttelt den Dreck von sich ab, was eigentlich unmöglich ist, weil er ja so schwitzt und das Zeug an ihm klebt wie Schmeißfliegen auf einem Kuhfladen, nimmt den jungen Beamten am Arm und lässt sich zum Ort des Geschehens leiten. Seine Worte dabei sind einerseits voller Erleichterung, andererseits aber auch die blanke Resignation.
„Warum hat sie nicht einfach die Tür genommen. Verstehe einer die Frauen. Wenn es nach ihrem Willen gehen muss, dann sind sie taub, blind und stumm gegen jeden gut gemeinten Einwand. Und Sie, junger Mann, bleiben Sie an meiner Seite. Ich will jetzt nicht allein sein.“
Der junge Streifenpolizist staunt Bauklötzer. Er kann nicht fassen, was er da gesehen hat.
„Wie ist die denn drauf?“ Andere Worte findet er im Augenblick nicht.
„Die braucht mal einen richtigen Kerl.“ faucht Hübner. „Da wo jedes Weib mal einen haben muss, ab und an. Aber sagen Sie das nie zu ihr. Sie verlieren das, was Sie zumindest per Geschlecht zu einem Mann macht.“
„Na ja.“ erwidert der junge Uniformierte leise nach diesem Erlebnis. „Wer will das schon riskieren.“
Drinnen kniet Uhlig vor dem Zafira wie ein Gläubiger vor einem Altar oder einer Gotteserscheinung oder so. Derya steigt aus, geht zu ihm, drückt seine Arme nach unten, legt sie auf seinen Rücken und ihm Handschellen an. Dann hilft sie ihm aufzustehen.
„Was sollte das denn, mein Guter.“ Ihr Tonfall klingt tatsächlich voller Milde, ja fast mütterlich.
Otto lächelt glücklich und hat noch ein paar Worte übrig. Nicht viele, aber mit einem geduldigen, heiteren Klang.
„Icke bin ja so froh, dass`de jekommen bist, meene Große. Der Hübner, ditte is doch een Idiot. Der hätte mir doch fast noch abjeknallt. Was abar nich schlümm jewesen wäre, wirklich nich. Nu abar kann ick noch een paar Tage atmen. Bring ma weg von diese Scheiße hier. Ick will wieder nach Hause. Un zwar für ümmer.“
„War das so schrecklich unter uns hier draußen?“
„Dit kannste dir nich im Koppe maln, die janze Kacke hier. Un eene Kiste Sterni am Tag reicht nich aus, um sich normal zu fühlen. Die zwitschern alle nur noch falsch un von die Kohle, nee. Ditte is nüscht für den alten Otto, wat hier so abfährt. Da jeh ick ville lieber in meene Zelle. Da is meen Zuhause. Da is meene Fämmälie. Also, fühle dir jeknutscht, meene Große, un schick nen alten Mann ins warme Homeoffieze zurück.“
„Das ist, was du wolltest, nicht wahr?“
Und seht euch das mal an. Der Uhlig verdrückt tatsächlich eine letzte Träne und liebkost mit Worten die Kommissarin weiter.
„Du varstehst mar, Süße. Ick liebe dir so dolle, ehrlich. Un wenn`de ma wat brauchst, Schatzi, denn wees`te ja, wo`de mir finden kannst.“
Derya nickt leise. Sie kennt den Alten. Was will so ein erfahrener Knastbruder wie der Uhlig noch hier draußen? Der hat sein halbes Leben da verbracht, wo die Sonne erst zur Sehnsucht, dann zum Fluch und wieder zur Sehnsucht wird. Da wird so eine Anstalt mal zur Heimat.
Der Butze hat ja so einige von den Häusern hinter sich. Das begann schon zu Zeiten der so genannten DDR. Da war der noch ein kleiner Piepel und hat gelernt bei den Großen um ihn rum, was die Welt in dem Milieu da im Innersten zusammenhält. Andere verscheißern und beklauen, bevor du selbst verscheißert und beklaut wirst.
Der Kerl war als Junge schon ein Rüpel, aber nicht dumm. Er hat schnell erkannt, dass er rascher an Kohle zum Fressen, Saufen und Weibergebrauchen kommt, wenn er nicht täglich zu einer Arbeit robbt. Da konnte es schon mal passieren, dass er, das eine Mal erst wenige Stunden aus Bautzen raus zum Beispiel, in Senftenberg schon wieder eingefangen und nach Bautzen zurückgebracht wurde mit einem Nachschlag von Monaten, weil er nicht schnell genug nach Berlin gekommen war. Da hatte ihm damals so ein dämlicher Fahrkartenverkäufer einfach zu lange warten lassen, ehe der Otto die Fahrkarte in der Hand hatte, um einen Eisenbahnzug besteigen zu können. Schwarzfahren war nicht seine Sache. Noch nie war sie das. Eher leichte Körperverletzung und Diebstahl. Und zu langes Warten war sie auch noch nie gewesen. Nee. Da hat er dem armen Reichsbahnangestellten hinterm Schalter eine durchs kleine Fenster verpasst und war schneller wieder dort, wo er herkam, als ein Mensch einen andern zum Ficken überreden kann. Es sei denn, dass es dabei um Kohle geht. Und was soll da so ein Gliederungsprogramm zur Wiedereinbürgerung schon tun? Bei Otto Uhlig hat sich was ausgegliedert. Schon von Anfang an. Das hat ihn geprägt und lässt sich heute nicht mehr verschweißgliedern. Und dabei geht es ihm allein um seine Freiheit. Mehr nicht. Auch wenn dieser Wille nach Freiheit ihn in die Unfreiheit bugsiert hat. Aber vielleicht erzählt er uns ja später mehr darüber. Wenn er Zeit hat. In der Zelle. Jetzt ist seine Zeit hier draußen wiedermal abgelaufen.
Zwei Blauhemden geleiten ihn nun aus der Baustelle, die einmal eine gut funktionierende Filiale der Berliner Sparkasse im Prenzlauer Berg gewesen ist.
Die Geiseln sind schmutzverschmiert aufgestanden und werden ebenfalls von Polizeibeamten ins Freie geführt. Hübner tritt zu Derya und hinter ihm folgt der junge Beamte mit gesenktem Kopf.
„Helfen Sie den Kollegen da mal.“ sagt Hübner zu ihm und der Streifenpolizist trollt sich rasch.
„War das nötig?“ Hübner steht hilflos neben Derya und weiß ja auch, dass er nichts mehr ändern kann. „Bloß gut, dass ich nicht dein Chef bin.“
Derya lächelt. Und das macht sie auf eine Art, dass Hübner ihr alles verzeiht. Sie hat dabei einen Ausdruck im Gesicht, als sei sie ein Mädchen von zehn Jahren, das ihren Vater um eine Kugel Eis bittet in einem Maße und mit traurigen Kulleraugen, dass es unbedingt diese Kugel zum Überleben brauche. Der braune Teint ihrer Wangen und die dunklen Augen unter ihrer Löwenmähne dazu über dem belustigten, liebevollen Lächeln der prallen, schwachrosa farbenen Lippen – welcher Mann kann da schon nein sagen? Und ein Vater erst recht nicht.
„Das erste Glas geht auf mich.“ Derya zwinkert mit dem rechten Auge und Hübner blickt auf seine Armbanduhr.
„Feierabend.“
Die beiden Berliner Beamten haken sich unter und bewegen sich über die Trümmer hinaus auf die Prenzlauer Allee. Das wäre geschafft. Ein krimineller Zwischenfall im Alltag der Hauptstadt ist voller Bedachtsamkeit und Umsicht der beteiligten Beamten zu einem guten Ende geführt worden. Das bedeutet – körperliche Verletzungen sind nicht zu verzeichnen. Was aber noch viel wichtiger ist, dass es keine Toten zu beklagen gibt. Nur der Dreck muss noch weggeräumt werden. Doch dafür sind die andern zuständig.
Als sie auf die Straße kommen, sticht ihnen die Sonne ins Gesicht. Eine staubige Wolke liegt noch in der Luft. Und fast schneller noch als von der sandigen Atmosphäre sind sie von Pressemenschen umringt. Einige Frauen und Männer pirschen sich mit Filmaufnahmegeräten und Mikrophonen in Deryas und Hübners Nähe und bombardieren sie mit Fragen. Die beiden aber schieben sie zur Seite, lächeln sie schweigsam an und gehen Arm in Arm die Prenzlauer Richtung Alexanderplatz hinunter wie ein langverliebtes Ehepaar, was Hübner mit beruhigtem Blut sichtbar genießt. Die angestauten Blechkörper allerdings werden wohl noch eine Weile brauchen, um sich drollen zu können.
„Da gibt es eine nette Kneipe.“ Derya nickt kurz in die Richtung, in die sie gehen. „ÜBERECK heißt die und geht auch über die Straßenecke zur Christburger rein. Da kann man auch rauchen beim Trinken, also drinnen, meine ich, hier draußen ist es mir zu heiß. Dir nicht auch?“
„Klar, und viel zu trocken.“
Derya blickt wohlwollend in Hübners feuchtes Gesicht und küsst ihn ohne Scham auf die Wange.
„Den Rest erledigen wir morgen.“
„Und dann werden wir erledigt.“
„Aber vorher haben wir noch eine Verabredung.“
„Mit Onkel Jäck.“
„Mit wem denn sonst.“
Der PHK zieht ein breites Gesicht der Zufriedenheit über sein rundes Speckgesicht. So hat die Angst wegen des Einsatzes in Verbindung mit dieser Frau noch etwas Gutes. Er würde einen angenehmen Abend haben, voller neidischer Männerblicke wegen ihr an seiner Seite, bevor der Dienststellenleiter ihn morgen auseinandernehmen würde. Doch bis dahin gibt es noch den rauchfeinen Bourbon aus Tennessee, obwohl es ihm ebenfalls klar ist, dass es bei Derya anders sein wird, das Gespräch zwischen ihr und ihrem Vorgesetzten. Sie ist eine Frau und ihr Chef ist ein Mann. Aber sie ist eine Frau.