Hänschen klein

Meine Angst, kam allein,
Und ging in die Welt hinein.
Wut und Tod, tun mir gut,
Nur um frei zu sein.

1. Teil – Jacob

1.
Mira spürte, dass sie nicht in Gefahr war. Doch wovor hatte sie Angst?
Dieses zwiespältige Gefühl verwirrte sie. Es tauchte auf, als ihr Vater sie am Nachmittag anrief. Er hatte sie gebeten, dass sie zu ihm kommen solle. Es sei sehr wichtig, hatte er gesagt. Es ginge zwar nicht um Leben und Tod, aber es sei nah dran.
Die 24-jährige kannte den zynischen Spieltrieb dieses Mannes. Deshalb hatte sie sich an seine Übertreibungen gewöhnt und reagierte nicht mehr darauf, wenn er sie mit Schuldgefühlen beeinflussen wollte. Und sie hatte im Büro noch zu tun. Sie musste ihn auf den Abend vertrösten. Das sei für ihn in Ordnung, hatte er gesagt. Extra für sie werde er durchhalten, auch wenn er nicht garantieren könne, dass er später noch am Leben sei. Dann hatte er kurz gelacht und aufgelegt.
Und Mira dachte nicht mehr an diesen Anruf. Erst auf dem Heimweg, in der Straßenbahn, als sie die Prenzlauer Allee aus Richtung Alexanderplatz hinauffuhr, fühlte sie sich durch das Zwielicht der Abendsonne wieder daran erinnert.
In der Dämmerung Ende September lag etwas Merkwürdiges. Der Sommer wusste, dass er gehen musste. Deshalb war sein Licht schon matt und hinterließ zwischen den Häusern eine leise Trauer im Kampf gegen die Nacht, deren Schatten kühler und rascher über den Asphalt krochen. Es war, als habe er vor dem Herbst Angst und müsse sich mit allem, was er noch an Kraft besaß, gegen sein Schicksal aufbäumen. Dennoch wusste er, dass er keine Chance hatte. Er musste gehen. Und jeden Tag nahm seine Schwäche an Stärke zu.
Etwas Ähnliches war am Nachmittag in der Stimme des Vaters gewesen. Sie klang gehetzt, als habe er vor etwas Angst, ohne sich dagegen wehren zu können. Mira spürte jetzt, dass er nicht mit ihr gespielt hatte. In ihrer Erinnerung klang seine Stimme wirklich furchtsam, aber gleichzeitig auch, als habe er gewusst, was auf ihn zukam, und auch gewusst, dass er nichts dagegen würde tun können.
Sollte sie doch zu ihm fahren?
Sie wollte erst zu Abend essen und ihn danach anrufen.
Gegen 20 Uhr klingelte ihr Handy. Es war erneut ihr Vater. Er wollte gelassen wirken und sagte, dass sie nicht mehr zu kommen brauche. Es sei alles wieder okay und er freue sich auf das gemeinsame Essen am Wochenende. Dann legte er auf, ohne auf eine Antwort von ihr zu warten.
Dieses Verhalten war alles andere als eine Entwarnung. Mira hatte gespürt, dass er sich zur Ruhe zwang. Diese überschwängliche Gelassenheit war nur Ausdruck seines Willens, sich unter Kontrolle zu bekommen, was ihm aber nicht gelungen war.
Nun saß sie in ihrer kleinen Wohnung in der Kollwitzstraße und überlegte, ob er sie vielleicht doch brauchte. Sie wusste aber auch, dass er sie auslachen würde, wenn sie bei ihm auftauchte und nichts sei geschehen.
Sie hasste seinen Trieb, gern die Gefühle anderer Menschen zu manipulieren.
Sie sah auf die Uhr. Es war bereits kurz vor Mitternacht. Der Vater hatte sich nicht wieder gemeldet. Aber sie spürte, dass etwas nicht stimmte.
Sie nahm ihr Handy und rief ihn an.
Sie hörte, dass es bei ihm klingeln musste. Aber er meldete sich nicht. Sie drückte den Anruf weg, nahm ihre Handtasche und eine Jacke und verließ die Wohnung. Sie ging die Kollwitzstraße hinauf, bog nach rechts auf die Knaackstraße und fragte sich erst jetzt, wie sie nach Berlin Buch fahren solle. Mit Straßenbahn und S-Bahn oder Taxi?
Sie blieb kurz stehen. Sie dachte an ihren Vater. Sie versuchte, ihn zu fühlen, und bekam plötzlich Angst. Wieder spürte sie etwas Zwiespältiges in sich. Sie fühlte sich nicht verfolgt, aber getrieben.
Also blieb ein Taxi die einzige Wahl. Sie musste so schnell wie möglich zu ihm.
An der Prenzlauer Allee brauchte sie keine Minute zu warten. Sie sah einen Wagen mit dem Leuchten des Taxischildes auf dem Dach vom Alexanderplatz auf sie zu fahren. Sie hob den Arm und der gelbe Mercedes hielt.
Die Fahrt zum Hörstenweg dauerte 20 oder 30 Minuten. Mira schaute nicht auf die Uhr. Sie blickte nur nach vorn, um zu sehen, wo das Taxi schon war. Der Fahrer bemerkte ihre Unruhe, stellte keine Fragen und fuhr, so schnell es der geringe Verkehr und die Ampelfarben zuließen. Er spürte, dass die junge Frau sehr aufgeregt war und sich schon an dem Ort wähnte, zu dem er sie fahren sollte.
Dort angekommen, zahlte sie und er wünschte nur viel Glück.
Mira stand in der Ruhe der Straße. In diesem Außenbezirk im Nordosten Berlins stand ein Familienhaus neben dem andern. Jetzt, in der Nacht, gaben die Straßenlaternen das Licht. Sie standen zwischen alten Bäumen, die große Schatten auf Gehweg und Straße warfen. Aber es war weder Verkehr von Fahrzeugen noch von Menschen zu erleben. Alles war ruhig.
„Mira!“
Sie hörte ihren Namen. Es war die Stimme des Vaters. Die kam aus dem Haus. Er rief nach ihr. Mira ging schnell zum Hauseingang und klingelte.
„Mira!“
Wieder hörte sie ihren Namen. Aber niemand kam von innen zur Tür.
Sie suchte in ihrer Handtasche nach ihrem Schlüsselbund. Daran war auch einer für das Haus des Vaters. Sie zitterte, weshalb es einige Sekunden dauerte, ehe der Schlüssel steckte. Sie schloss auf und trat schnell ein.
„Papa!“
Keine Antwort.
„Papa! Wo bist du!“
Wieder antwortete er nicht.
Aber sie hörte ein leises schwaches Stöhnen. Es kam aus dem Arbeitszimmer des Vaters.
Und was sie dort vorfand, ließ sie erstarren. Es war so grauenvoll, dass sie nicht einmal einen kurzen Schrei des Entsetzens ausstoßen konnte. Sie fühlte sich wie gelähmt von diesem schmerzhaften Anblick.
Der Vater lag auf dem Boden. Um ihn herum war alles blutig. Ja, es schien fast, als bade er in seinem Blut. Und diese blutige Spur zog sich durch den gesamten Raum. Sie begann an seinem Schreibtisch, zog sich über das alte Parkett wie in einem Kreis zum Schreibtisch zurück. Dort lag er auf dem Bauch und stöhnte.
Mira hatte sich wieder in der Gewalt. Sie ging auf ihn zu, bückte sich und drehte den Körper des Vaters auf den Rücken. Da sah sie, dass er sich die Adern an den Unterarmen aufgeschnitten hatte. Blut pulsierte aus den Wunden. Und er sah sie an, schien nicht überrascht, eher froh, dass sie bei ihm war.
„Papa, was ist mit dir, liebster Papa! Was hast du getan!?“
„Vernichte alles.“ Seine Stimme war schwach. „Vernichte alles.“
Die Tochter nahm seinen Schädel hoch, schob sich darunter und bettete den Kopf des Sterbenden auf ihrem Schoß. Sie spürte mit einer Gewissheit, die ihr nicht fragwürdig war, dass sie ihm nicht mehr helfen konnte. Seine Wunden mit etwas zu verschließen, hatte keinen Sinn mehr. Das wusste sie instinktiv und kämpfte auch nicht gegen diese Abgeklärtheit an. Sie wollte jetzt nur so nah wie möglich bei ihm sein.
„Was soll ich vernichten, Papa, bitte! Was ist geschehen?“ Vor Tränen in den Augen konnte Mira das Gesicht des Mannes kaum sehen.
„Die Papiere.“
Jacob hob einen Arm und zeigte in Richtung seines Schreibtisches. Blut schoss aus der Wunde am Handgelenk.
„Mein Notizbuch. Auf dem Tisch. Bitte. Du musst es vernichten, bevor es auch dich vernichtet.“
Mira stand nicht auf. Sie hielt den Vater auf ihrem Schoß und spürte, wie er mehr und mehr an Gewicht verlor, wie er immer leichter wurde, wie er langsam verstarb. Bis der Mann sich nicht mehr rührte.
Sie hörte noch einige Atemzüge und senkte ihren Kopf. Sie brachte ihr Gesicht nahe dem des Vaters. Das Blut störte sie nicht.
Und der Vater atmete ein letztes Mal aus. Diesen letzten Atemzug sog Mira tief in sich ein und küsste ein letztes Mal die Lippen des Menschen, den sie ebenso stark liebte wie sich selbst. Jetzt war sie wirklich einsam.
Plötzlich musste sie husten und hatte einen gallebitteren Geschmack auf der Zunge.

2.
Stunden später, draußen war es bereits hell geworden, saß Mira, in einen frischen Morgenmantel gehüllt, in der Küche. Sie hatte geduscht, sich das Blut und den letzten Atem des Vaters von Haut und Gesicht gewaschen, nachdem die Polizisten gekommen waren und alles weitere veranlasst hatten. Nun saß sie allein und wartete, dass die fremden Menschen gingen. Die Leiche war schon abtransportiert worden, nachdem eine junge Kommissarin der Berliner Kriminalpolizei sich alles angesehen hatte.
„Klarer Selbstmord.“ Das hatte die Frau in ziviler Kleidung noch gesagt, Mira die Hand gegeben und darum gebeten, sollte noch etwas zu klären sein, sie anrufen zu dürfen.
„Wir schicken noch unser Team, um hier sauberzumachen. In zwei drei Stunden. Bleiben Sie bitte so lange hier.“
Mira hatte genickt und starrte weiter vor sich hin. Was die Frau sagte, war ihr egal. Sie wollte nur, dass die fremden Menschen mit ihren mitleidsvollen, aber hilflosen Blicken so schnell wie möglich verschwanden.
Nun hörte sie die Wohnungstür ins Schloss fallen. Sie war allein.
„Vernichte alles!“
Diese letzten Worte des Vaters hörte Mira noch immer. Und sie zögerte schon seit Stunden, seit sie die Polizei angerufen hatte, ob sie wirklich tun sollte, was er von ihr verlangt hatte.
Aber vielleicht fand sie in dem, was sie vernichten sollte, die Antwort, weshalb er sich getötet hatte? Und warum hatte er die Unterlagen nicht selbst vernichtet, bevor er beschlossen hatte, sich das Leben zu nehmen?
Vor ihr auf dem Küchentisch lag das Notizbuch des Vaters. Es war im A5 Format und von besonderer Art. Nicht einfach nur ein schmuckloses Heft, wie es Millionen gab. Es war schwer und der Einband bestand aus dickem, braunem Leder. Die Kanten waren mit Messingverzierungen beschlagen. So wirkte es sehr orientalisch. Und es war auch nicht einfach zu öffnen. Es gab einen Hacken, der gelöst werden musste, ehe es Mira aufklappen konnte. Sofort sah sie die kleine, saubere Schrift ihres Vaters. Und diese auf einem Papier, das sie nie zuvor zwischen den Fingern hatte. Es war sehr dick und wirkte tatsächlich nicht wie von einer Maschine gemacht. Es besaß auch eine leichte Struktur und roch nach frischer fettreicher Milch.
Ihr Vater war Schriftsteller und schrieb über alles, was er beobachtete und was ihn bewegte. Mira wusste auch, dass er, bevor er einen neuen Roman begann, über dessen Inhalt gern eine Art Tagebuch führte. Er nähere sich der Struktur des neuen Buches, wie er sagte, indem er den Stoff in einzelnen Szenen vor sich ausbreite. Nicht jede Szene würde so im späteren Werk erscheinen. Aber die Inhalte schon.
Manchmal zelebrierte er das Schreiben von Worten auch wie eine Art Kunst. Er versuchte, in der sauberen Schrift dem großartigen Gefühl, das er hatte, mit seinen Gedanken so nahe wie möglich zu kommen. Dafür sprach auch dieses Notizbuch. Mit dem schweren Ledereinband und dem dicken, wie von Hand geschöpften Papier wirkte es sehr edel. Und darin sollte sie finden, weshalb der Vater sich getötet hatte? Es musste darin stehen, warum sonst sollte sie es vernichten, bevor es sie vernichten würde?
Mira blätterte durch die Seiten. Es waren gesamt vielleicht 100, aber nicht bis zum Ende beschrieben, eher war der größte Teil noch unberührt. Und zum Schreiben hatte der Vater einen Federhalter genommen. Sie sah den Unterschied der Tinte zu einer Kugelmine. Der kleine Metallball des Kugelschreibers gab jedem Buchstaben gleichzeitig einen klaren und runden Rand. Mit einer Füllfeder geschrieben, sah man kleine, fast kapillarartige Verläufe der Tinte am Rand jedes Buchstaben, wie die Farbe in die Faserstruktur des Papiers hineingedrungen war.
Der Vater hatte ihr einmal erklärt, weshalb er lieber mit einem Füller schrieb. Mit der Kugel glitt er zu schnell über das Papier. Durch diese überzogene Schreibgeschwindigkeit würde er nicht die richtigen Worte finden, um zu schreiben, was er gerade fühlte. Die Füllhalterfeder zwang ihn, langsamer, bedachtsamer zu schreiben, wobei er mehr Zeit hatte, die punktgenauen Worte im Kopf sich bilden zu lassen und auf das Papier zu zelebrieren, sie nicht nur hinzuschmieren. Und auch die Tinte, die er verwendete, war eine außergewöhnliche. Reine Schreibfedertinte in einer sehr dunkelgraublaugrünen Farbe. Wie ein sehr dunkles Türkis, das der feinen Schrift nochmals etwas Besonderes schenkte.
„Vernichte es! Bitte, du musst das Buch vernichten!“
Mira blickte sich um. Sie glaubte, die Stimme ihres Vaters wirklich wie in ihrer Nähe gehört zu haben. Doch sie war allein.
Die Tochter warf das Buch auf den Tisch und stand auf. Sie hatte das Bild ihres Vaters vor Augen, der auf dem Fußboden lag im Bade seines Blutes.
Sie schaltete den Wasserkocher ein, nahm sich eine große Tasse aus dem Hängeschrank und dazu aus einer Schachtel einen Teebeutel. Sie brauchte etwas, um zur Ruhe zu kommen. Dafür hatte sie diesen Tee. Eine spezielle Kräutermischung mit getrockneten Kakaoschalen.
Würde sie tun, was der letzte Wunsch ihres Vaters war?
Sie zögerte.
Sollte sie nicht erst lesen, weshalb er sich getötet hatte?
Sie goss den Tee auf und ging in ihr Zimmer, um sich anzuziehen. Sie wollte einen Spaziergang machen, um zu klaren Gedanken zu kommen. Um sich stark genug zu fühlen, die Aufzeichnungen des Toten zu studieren oder sie tatsächlich zu vernichten.
Das Haus des Vaters stand fast an der nordwestlichen Stadtgrenze Berlins. Einfamilienhäuser mit Vorgärten waren an geraden Straßen mit viel Grün gebaut und gaben diesem Viertel einen ländlichen Charakter. Und für einen Spaziergang war das die beste nur vorstellbare Umgebung.
Für den Spätsommermorgen hatte sich Mira nur leicht bekleidet. Jeans und T-Shirt. Als sie vor das Haus trat, wurde sie von einer angenehmen Frische empfangen, die nicht kühl war.
Sie ging den Hörstenweg hinunter Richtung Pöllnitzweg und bog dort nach links ab, schlenderte an einer kleinen katholischen Kirche vorbei, unter einer Bahnbrücke durch und bog erneut nach links ab, um den Wanderwerg an der Panke zu nutzen. Das war ein kleiner Fluss, hier noch ein Bach, selten breiter als Einmeterfünfzig und ebenso selten tiefer als 20 Zentimeter, bei Normalwasser. Und der Weg führte an Wiesen vorbei, die wie ein Flutbecken angelegt waren, wenn der Bach einmal die Lust und das Wasser haben sollte, sich wie ein Fluss fühlen und über die Ufer treten zu wollen.
Mira ging sehr gern diesen Weg. Sie hatte das Gefühl, sich frei zu fühlen, fern ab von der Hektik der Großstadt. Heute aber belastete sie der Widerstreit zwischen der Trauer um den Tod des Vaters und den letzten Worten, die er gesagt hatte.
Sie dachte an das Notizbuch und fragte sich erneut, ob sie die Aufzeichnungen wirklich lesen oder ob sie nicht doch dem Wunsch des Vaters folgen sollte.
„Vernichte alles, bitte! Vernichte alles.“
Wieder war ihr zumute, als höre sie seine Stimme. Die junge Frau blickte sich um. Sie war allein. Der Himmel strahlte blau. Die Sonne wärmte ihr Gesicht und Arme. Das Wasser im Bach plätscherte lustig vor sich hin. Und sie verdrängte wieder ihre Angst.
In Mira wechselten sich Zustimmung und Verweigerung ab.
Sie musste doch herausfinden, weshalb er sich getötet hatte. Sie musste lesen, was ihn zum Selbstmord gezwungen hatte. Sie wollte seinen Tod verstehen.
Mira blickte erneut auf. Himmel und Luft waren rein und klar. Alles war durchflutet vom spätsommerlich warmen Morgen. Und sie hatte sich entschieden. Ihr blieb keine Wahl. Sie drehte sich um und ging denselben Weg zum Haus zurück.
Als sie in der Küche war und sah, dass sie den Tee vergessen hatte, kamen ihr erneut Zweifel. Sie nahm das Buch und setzte sich. Sie drehte es in ihren Händen. Sie roch am Leder des Einbandes. Sie bewegte den Haken, um es zu öffnen. Sie löste ihn aus der Öse und schob ihn wieder zurück. Diese Bewegungen machte sie mehrere Male. Dann legte sie das Buch zurück auf den Tisch, stand auf, hatte den Tee wirklich vergessen, nahm eine Flasche Rotwein, es war erst 8 Uhr am Morgen, öffnete sie und trank ein Glas sofort. Nun setzte sie sich wieder, schenkte sich nach und betrachtete das Notizbuch.
„Bitte, versprich mir, dass du das Buch vernichtest. Bitte, Mira, du musst es vernichten, bevor es auch dich vernichtet.“
Sie trank ein weiteres Glas Rotwein sehr zügig aus, schenkte nach, stellte die Flasche ab und nahm das Buch zur Hand.
Es tut mir leid, Vater, sagte sie sich. Ich will wissen, weshalb du dich getötet hast.
Sie öffnete den Verschluss und klappte den Einband des Buches auf.

Schriftsteller sind eitel. Ich weiß. Dazu gehört auch, dass sie zu ihren Büchern sowas wie Arbeitsbücher machen, damit die Literaturwissenschaft später was zum wissenschaftlichen Aufarbeiten hat. Natürlich bin auch ich eitel. Ich versuche aber, meine Arbeitsbücher auch wirkliche Arbeitsbücher sein zu lassen. Ich brauche diese Art der Vorbereitung, ehe ich an einen Roman gehe. Diese Aufzeichnungen dienen mir als ein Herantasten an das neue Werk. Und gerade bei diesem, der in meinem Geiste schon vor mir liegt, weiß ich noch nicht recht, wie ich ihn schreiben soll. Ich weiß nur, dass ich ihn schreiben muss. Etwas treibt mich dazu. Ich habe zwar keinen Hang zum Spirituellen. Ich bin dem Mystizismus in keiner Form oder Veranlagung verfallen. Aber gerade bei diesem Roman scheint es, als habe der Stoff mich gefunden und nicht ich nach ihm gesucht.
Zwar hat der Gedanke, aus toter Materie Leben zu erschaffen und damit Gott auf Erden zu spielen, mich schon immer gereizt. Ihn in Form eines Romans zu erweitern aber hatte ich nicht vor. Nun fühle ich mich dazu gezwungen.
Und welcher Roman dokumentiert das besser als die Geschichte von Frankenstein und seinem Monster. Ich will herausfinden, wie es zu diesem Buch kam. Ich will die Personen, die beim Entstehen der Idee anwesend waren, in einem Roman aufleben lassen über jene Tage, während derer Mary Shelley eine erste Geschichte zu ihrem Frankenstein entworfen hat.
Ich gebe zu, dass ich bei diesem Projekt jedoch mehr als unsicher bin. Denn je näher ich meinem Entschluss, diese Arbeit zu tun, in die Tat umzusetzen, kam, umso unruhiger wurde mein Herz. Ich spüre eine Gefahr, die im Buch auf mich zu warten scheint.
Aber ich beginne von vorn und schreibe zur Situation im Sommer 1816 in jener Villa nahe dem Genfer See, in der sich die Protagonisten getroffen und wegen des schlechten Wetters lieber Schauergeschichten erzählt haben, als einen Spaziergang zu machen.
Der Sommer jenen Jahres galt als ein ausgefallener, da er rein herbstlich war. Ursache dafür war der Ausbruch eines Vulkans im fernen Südwestasien. Tonnenweise war Vulkanasche in die Atmosphäre geschossen worden und hatte weltweit den Himmel verdunkelt. Es kam zu Missernten in Europa und Amerika. Die veraschte Haut der Erde ließ keine nahrhafte Sonnenstrahlung hindurch, um unter ihr für ausreichend Nahrung zu sorgen. Hunger war überall. Viele Menschen starben. Unsere Freunde hier aber waren von herrschaftlicher Geburt und litten deshalb nicht unter Hunger, sondern unter Langeweile. Die kühle und graue Tageshelligkeit jenes Sommers vermieste ihnen die Laune, sich draußen aufzuhalten. Deshalb begannen sie, sich Geschichten zu erzählen. Und das waren, nach ihrem Gemütszustand, natürlich schaurig schöne Gespenstergeschichten.
Wer gehörte dazu?
Die Gastgeber waren Lord Byron, ein damals bekannter junger englischer Dichter, und seine junge Geliebte Claire Clairmont. Sie hatten die genannte Villa Diodati nahe dem Genfer See gemietet als Fluchtort aus England, wo sie nicht bleiben konnten. Und sie hatten ihre Freunde eingeladen, dort eine Zeit mit ihnen zu verbringen. Das waren der junge Arzt des selbsternannten Lords, John Polidori, der junge britische Adlige Percy Shelley sowie dessen junge Geliebte, damals noch nicht Ehefrau, weil er selbst noch verheiratet war, Mary Godwin. Uns heute bekannt als Mary Shelley, die Mutter des Romans „Frankensteins Monster oder der moderne Prometheus“.
Es ist nicht einfach für mich, vorurteilslos zu sein bei Menschen, die mit der Arroganz behaftet sind zu glauben, mehr zu wissen über Leben und Tod, als sie tatsächlich schon wissen konnten. Wie üblich bei jenen jungen Aristokraten dieser Zeit, die in romantisch verklärten Gedanken aufblühen in Zeiten der Aufklärung sowie vielen neuen umwälzenden wissenschaftlichen Entdeckung wie der Elektrizität zum Beispiel und deshalb fälschlicherweise sicher sind, auf alles eine Antwort zu haben. Ohne die Fragen zu kennen, versteht sich.

Versuch einer Charakterisierung:
Mary Godwin kam aus einem freigeistigen Haus. Der Vater stand für gewaltfreie Anarchie ein, also für gelehrte Vernunft. Kein Wunder, dass er wegen seiner unzeitgemäßen Lebenseinstellung stets unter Geldsorgen litt und mit ihm auch die Familie. Die Mutter kann man getrost zu den ersten Frauenrechtlerinnen zählen, die dazu auch ein Buch verfasst und veröffentlicht haben. So reifte in dem Mädchen eine Art der rationalen Freiheit zu allem und zu jedem Menschen, die alsbald in den Zwiespalt der sentimentalen Freiheit ihrer Gefühle zu tatsächlichen Gegebenheiten der Realität kommen musste, spätestens als sie sich in den jungen Percy verliebte, obwohl sie wusste, dass er verheiratet war. Damals war das offene Zeigen einer Liebe zu jemand, der noch verheiratet war, ein tatsächlicher gesellschaftlicher Affront. Vielleicht aber kommt daher auch der Grundkonflikt ihres Monsters im Roman, das sich von Frankenstein verstoßen fühlt und diesen Schmerz seinem Schöpfer wiedergeben will. Ein unterdrückter Komplex von zu geringer Vaterliebe, weshalb sie auch von jenem Mann, in den sie sich verliebte, eine gewisse emotionale Kälte erwartete. Passend dazu wirkte ihr Gesicht mit der ausdrucksstarken großen Nase und der hohen Stirn eher männlich. Dies zeugt von einer gewissen überdurchschnittlichen geistigen Intelligenz, die, wegen des weiblichen Geschlechts dieses Körpers nach der emotionalen noch sucht und mit dem Rationalen in sich dagegen wirken will. Sie will die Welt denkend erkennen, dabei aber auf ihre Emotionen nicht verzichten, obwohl sie ihre Gefühle absolut kontrollieren will, ohne die Erkenntnis zuzulassen, dass sie von ihren Gefühlen auch im Denken kontrolliert wird. Kurz – eine in der Pubertät steckengebliebene junge Frau, die sich für erwachsen hält. Da wundert es wiederum wenig, dass sie sich einen Mann an ihre Seite gestellt hat, der ebenfalls ein glühender Verfechter der persönlichen Freiheit war, aber mit einer höheren emotionalen Intelligenz ausgestattet als sie, ohne ebenfalls das Pubertäre in sich überwunden zu haben. Dies zeigt vor allem der breitgelippte, so untypisch feinfühlige männliche Mund des jungen Percy Shelley. Und nicht von ungefähr waren er und Lord Byron nicht nur beide Dichter, sondern auch Freunde. Obwohl der junge Byron von etwas sprunghafterer Natur war als Percy. Byron war noch immer wie ein Kind. Er konnte sich für alles neue, vor allem Frauen, schnell begeistern und spielte unablässig damit, sodass man glauben konnte, dass er gefunden habe, wonach er schon lange suchte. Allerdings tauschte er das Neue schnell gegen etwas anderes, dann wiederum Neues, das ihn rasch begeistert hatte, um damit zu spielen, und das vorherige war vergessen. Unstillbare Neugier gepaart mit dem Abscheu gegen alles, was nicht mehr zur Neugier reizte. Dieser Charakterzug aber ist wichtig für meine Betrachtung, da er alles zulässt, was sich fühlen und denken lässt, vor allem das, was dieser Mensch noch nicht gefühlt und gedacht hat, während er glaubt, schon alles gefühlt und gedacht zu haben. Dazu passt auch, dass sich Lord Byron in diese Villa in der Schweiz zurückgezogen hatte nach einem handfesten Skandal auf der britischen Hauptinsel. Er soll mit seiner Halbschwester ein inzestuöses Verhältnis gehabt haben, woraus ihn die junge Claire rettete, die er in die Schweiz mitnahm, sicher weil er glaubte sie zu lieben und nicht, um auf der Flucht nicht ohne Frau zu sein. Allerdings, ein pikantes Detail, diese junge, eher mädchenhafte und deshalb noch auf ehrliche Art unreife Frau, wiederum interessant für den inneren Zusammenhalt der kleinen Gruppe, war die Stiefschwester väterlicherseits von Mary Godwin, spätere Shelley, und eher der zurückhaltende, naiv gläubige Anteil der Freunde.
Sind Zusammenhänge von Menschen in ihren Beziehungen untereinander tatsächlich von zufälliger Natur?
Der junge Polidori nun, Arzt und Freund des Lord Byron, war als passender Gegenpart von rationaler Vernunft geprägt. So schien es. Dennoch trennte er sich wenige Wochen nach diesem Treffen von Byron und starb, interessanterweise, durch Selbstmord wenige Monate nachdem er 1818 die Geschichte veröffentlicht hatte, die ihm in den Tagen nahe dem Genfer See gekommen war, nachdem er im Traum mit einem blutsaugenden Menschen gekämpft hatte. Seine Geschichte ist nun pikanterweise Grundlage aller folgenden Vampirerzählungen geworden.
Ich glaube, dass es gerade diese merkwürdige Mischung aus Ratio und Irratio jener Menschen war, die neben dieser ersten Vampirgeschichte der Welt auch einen Roman wie „Frankenstein“ erst möglich machte und die mich dazu brachte, sie für mich in meinen romanhaften Betrachtungen darüber erleben zu lassen. Ich werde diese Geister mit ihren Träumen spielen lassen, um meinem Traum näher zu kommen. Meinen Golem-Roman zu schreiben.

An dieser Stelle mache ich eine Pause. Es ist schon spät. Ich fühle mich erschöpft. Ich lasse meine jungen Gefährten zurück im Salon der Villa, am Kamin, wie sie am Abend ihrer Ankunft Wein trinken, Laudanum nehmen und ebenfalls zu erschöpft sind, um noch lange Gespräche zu führen. So freuen sie sich auf den kommenden Morgen, nehmen Abschied und jeder zieht sich auf sein Zimmer zurück. Die beiden Paare auf das ihre und der junge Arzt auf das seine.

… ich habe nur eine Stunde geschlafen und wurde von einem Albtraum geweckt. Das Grauen darin lässt noch immer mein Blut gefrieren. Ich empfinde meine Adern wie verbrannte Haut. Alles in mir schmerzt im Erinnern der Traumbilder und was ich dabei empfunden habe. Er war mehr als schrecklich, aber ich muss ihn notieren. Er hat sicher mit dem zu tun, wonach ich suche.
Ich sah die fünf Menschen im Salon. Jeder saß bequem auf einem Sessel oder einem Chaiselongue. Doch sie hatten die Körper von Schweinen. Sie waren nicht menschlich, außer ihre Gesichter. Und sie sprachen fremdartig miteinander. Und wenn sie lachten, klang das wie Grunzen. Dann standen sie auf. Alle fünf. Und gingen aufeinander zu. Auf den Hinterbeinen. Dieses Bild. Fünf Körper wie Schweine auf den Hinterbeinen mit offenen menschlichen Geschlechtsteilen, weiblich gespaltene, die ihre runden Hintern präsentieren, wie männlich hervorstehende, dazu mit Gesichtern wie Menschen. Und kurz bevor sie nah aneinander standen, besprangen sie sich plötzlich, paarten sich, untereinander und alle zusammen, bis sie im Orgasmus zu toben begannen, sich die Masken von den Gesichtern rissen und Schweineschnauzen hervortraten und sie so wiederum übereinander
herfielen, aber nicht, um sich zu paaren, sondern um sich gegenseitig zu zerfetzen. Fleisch und Blut flogen durch die Luft. Und ich erwachte.